Zwölf Millionen Kanadier.
Wie, zwölf Millionen? Kanadas Bevölkerung ist auf ganze 41 Millionen Menschen angewachsen. Stimmt.
Doch zwölf Millionen dieser Kanadier öffneten gestern Donnerstag einen Briefumschlag der kanadischen Regierung. Darin lag ein Cheque, um das Leben mit Mitteln etwas leichter zu gestalten. Lebensmittelpreise sind seit COVID und der Pandemie in schmerzliche Höhen geschossen. Um den Schmerz beim Einkauf von Brot, Gemüse und Fleisch etwas zu lindern, erhielten Einzelpersonen 267 Dollars und Familien 533 Dollars als Zuschuss.
Wieviel kostet die Würde, um das Leben einigermassen zu gestalten? Ein paar Leute in der Regierung Kanada’s sind auf diese Beträge gekommen. Ich höre bereits die erleichterten Seufzer, weil mit diesem Cheque ganze drei Wochen des Monats das Shoppen für den täglichen Bedarf weniger belastend ist. Essen und Trinken stellen schliesslich der Grundbedarf des Lebens und sollte für Menschen bezahlbar sein.
In New York City hat der neue Bürgermeister einen etwas anderen Weg beschritten, um den New Yorkern das Leben leichter zu machen. Er hat letzte Woche den ersten städteeigenen Lebensmittelladen eröffnet. Dort sind die Preise bezahlbar.
Ich erinnere mich an meine Jugend in Muttenz bei Basel. Meiner Mutter war durchaus bewusst, dass einige Familien in der Nachbarschaft mit ähnlichen Problemen mit Lebensmitteln zu kämpfen hatten. Da wir einen riesigen Garten besassen und Mama eine wilde Verfechterin des biologischen Pflanzens war, verschenkte sie diskret Salate, Tomate, Bohnen und Kartoffeln an Familien. Das war ihr unstaatlicher Beitrag, das belastete Leben etwas leichter zu machen.
Für die Betroffenen ist der Gemüsekorb oder der Dollarbetrag eine sofortige Hilfe. Und das ist an sich eine fürsorgliche und willkommene Geste der Menschlichkeit. Dennoch bleibt ein kleines Nebengeräusch mit einer Frage hängen. Wieso brauchen Menschen solche finanzielle oder materielle Zuwendungen von Staat und Nachbarn? Wieso sind die Lebensmittel - also grundsätzliche Nahrung - für viele nicht mehr bezahlbar? Können die Konzerne der Lebensmittel wie Loblaws, Sobeys hier in Kanada und COOP, Globus und Migros in der Schweiz die Preise moderater gestalten? Auf die Antwort warten wir noch heute.
Übrigens wurde die Christoph Merian Stiftung gegründet, weil in Basel im Jahre 1854 das Brot teuerer wurde. Christoph Merian spendete 100’000 Franken, um damit die Preise für Brot zu senken.
Scheinbar braucht es immer wieder Interventionen des Staates, von Institutionen und Nachbarn, damit sich die Menschen das Leben auch leisten können. Denn die arg gebeutelten Grosskonzerne für Lebensmittel können sich tiefere Preise einfach nicht leisten. Warum? Weil die sogenannten Stakeholder, also Aktionäre, sich mit einstelligen Dividenden niemals zufrieden geben würden.
Freie Marktwirtschaft hat ihren Preis. Für die Bevölkerung.
Vielleicht ist das tragische Element von heute nicht die Inflation selbst, sondern das Fürsorge automatisiert stattfindet.



