Zweitstimme
Oh doch, mit der Stimme bin ich ziemlich zufrieden. Als alltäglicher häufig Nutzender meiner Stimme stimme ich mit mir überein, dass die Stimme für die Umgebung OK ist.
So meinen manche Stimmen zumindest.
Töne treffen zum Beispiel. Melodien. Das Grundhandwerk der Sangeskunst. Bemerkt habe ich diese fehlenden Utensilien meiner Stimmqualität, als die Familie stimmungsvoll am Weihnachtsabend zusammensass. Soweit war meine Stimme noch immer gerne gehört und akzeptiert. Kaum verteilte Mutter diese kleinen Monster mit Namen «Gesangsbüchlein» an die Kinder, da kippte die Stimmung ins Bodenlose. Die Ursache sollte mir noch eine Weile verborgen bleiben. Es war? Ja, meine Stimme beim Versuch, den einen oder anderen klar definierten Ton einer Melodie zu treffen. Und sich mit dem Ton anzufreunden. Das war im Grundgesetz der Sangeskunst verankert. Punkt. Vor meinem Outing als musikalisches Disaster war ich begeistert und überdurchschnittlich leidenschaftlich, freudig nach den Kinderlein in die Stille Nacht zu singen. Falls sich diese Kinderschar tatsächlich in die Richtung unseres Hauses bewegt hätten, weil sie dem Aufruf folten, dann wären sie bei meinem gesanglichen Beitrag schnur und stracks in grosser Panik weggelaufen.
Mit der Stillen Nacht habe ich es dank meiner Stimme ebenfalls für immer verdorben. Die meisten musikalisch begabten Zeitgenossen hätten sich nichts mehr gewünscht, als wäre die Nacht in meiner Nähe still. Einfach nur still und lautlos. Das Fehlen meines Gesangsversuch hätte zu einer echten weihnachtlichen Harmonie geführt.
Natürlich waren es meine Geschwister - vorne weg mein Bruder - die mir dramatisch vorführten, was meine ansonsten akzeptable Stimme an Schäden verursacht, wenn ich sie in die musikalischen Zwangssituation katapultieren wollte. Murphy’s Gesetz greift da treffsicher die Situation, sobald ich den ersten Ton eines Liedes anstimmte. «Wenn etwas mit dieser Stimme schief gehen kann, dann wird es schief gehen.»
Sänger, Rockstar, Berühmtheit - alles verschwand in der Dunkelheit einer stillen Nacht, als mir die Realität ziemlich unmusikalisch ins Gesicht sprang. Seither habe ich nie mehr gesungen. Nicht mal die Dusche liess es zu, dass ich meine Stimme in eine Tonleiter quetschen konnte. Sobald ich es versuchte, wurde das vorher heisse Wasser kalt. Sehr kalt.
Seit dem Begräbnis meiner Gesangskarriere habe ich die Stimme woanders eingesetzt. Denn ich bemerkte, dass meine vorhandene unmusikalische Stimme dennoch Wirkung zeigen kann.
Ich kann meine Stimme erheben, ohne dabei ein Notenblatt zu streifen, um Geschichten zu erzählen. Ich darf sie abgeben, wo sie zählt — gleich in zwei Demokratien. Meine Stimme gilt in der Schweiz und in Kanada. Welch ein Privileg das ist, wird mir immer klarer.
Gut, die Landeshymne singe ich. Tonlos, aber nicht gefühllos.
Mit der Stimme kann ich trösten oder tröstliche Worte empfangen. Stimmungsvolle Gespräche stärken Gemeinschaften und Freundschaften.
Ja, ich mag meine Stimme, solange sie sich von jeglichem Gesang vollkommen fernhält.
Diese meine Stimme ist mein akustischer Beitrag zum Frieden.
Und wenn nötig, wird sie lauter.


