Zen isch suur.
Wiederholungen sind langweilig. Wiederholungen sind nervig. Wiederholungen sind zu routiniert. Wenn sich die dunkle Seite der Geschichte wiederholt, dann wird es nervig. Ich rede von der Zensur.
Wenn sich Zen mal aufregt, dann ist bestimmt das Suure dran schuld. Das Zen der freien Rede, freier Gedanken, freier Handlungen ist bedroht. Von wem denn?
Na wird es jetzt ironisch: Von der Zensur.
Das Wort «Zensur» erinnert mich stets an einen der vielen Götter im römischen Reich vor ein paar Tausend Jahren. Der Gott des Streichens oder der Korrektur - also ein hilfreicher Geselle für das schreibende Gewerbe. Dachte ich. Denn das Korrekturlesen von Zeitungsartikeln, Aufsätzen oder politischen Reden wird selten mit dem Begriff Zensur bezeichnet. Da würden die Alarmglocken um die Wette läuten. Es sind lediglich Korrekturen für grammatikalische Verbrechen, struktureller Aufbau und die grundsätzliche Aussage von Texten. Um die Stärke des Wortes abzumildern, wurde es in «Vorzensur” umbenannt. Also die Aktion vor der eigentlichen Zensur? Nein, dies ist noch die unschuldige Variante der Zensur, so quasi das Vorspiel vor einem Auftritt des Textes in der Öffentlichkeit.
Nun, die Zensur zu verteufeln wäre zu einfach gedacht.
Bevor ich einen Text veröffentliche - diesen zum Beispiel - dann vorzensoriere ich diesen frühmorgendlichen Auswurf an Wörtern auch ein wenig. Ich will nicht als Grammatikalschläger auffallen oder als völlig Unverständlicher in den Tag starten. Die Gefahr lauert an jeder Ecke, wenn ich vor dem ersten richtigen Gedanken mich an ein Wort heranschleiche und daraus eine Geschichte fabriziere, die nicht vorbereitet war. Sie ist auf der Basis von Spontanität entstanden. Ich übe mich also in der Selbstzensur?
Nein. Nicht zwingend. Ich übe Grammatik und Storytelling ohne zensorische Hintergedanken. Also Überlegungen wie «muss ich mit Konsequenzen rechnen, wenn meine Story veröffentlicht ist?» Das wäre echte Zensur, wenn aus Angst vor Leserreaktionen der Rotstift angesetzt wird.
Die Zensur, das fürchterliche Instrument der Beschneidung also. Das Wort selbst war kein römischer Gott, aber immerhin ein Begriff namens «censura». Damals verstanden die Römer unter Zensur nicht das Verhindern von Texten, sondern lediglich das Beurteilen oder das Einschätzen derselbigen. Erst später wurde daraus die bittere Variante, damit Schriften, Medien und Äusserungen amtlich kontrolliert werden.
Oha, soeben ist bei der Kreativität der Angstschweiss ausgebrochen. Sie fragt sich, ob ihr Job damit gefährdet ist, wenn jeder Gedanke, jede Vision oder jede Idee dem Fallbeil des Staatsapparates zum Opfer fällt, sobald sie öffentlich geäussert werden. Wird die Kreativität zum rein privaten Vergnügen, das niemals vor die Tür darf? Wahrscheinlich.
Nun, die Zensur zu verteufeln wäre zu einfach gedacht. Denn eine gewisse Kontrolle über die Auswirkungen von öffentlich gemachten Informationen sehe ich als durchaus sinnvoll. Ich mag ja, wenn Aufrufe zur Gewalt strafbar sind. Ebenso haben rassistische oder sexistische Verhetzung in einer humanitären Gesellschaft weder etwas zu suchen noch etwas verloren. Dasselbe gilt für Menschen und Bots, die Disinformation und Verschwörungstheorien verbreiten.
Sauer wird die Geschichte der Zensur, wenn sie Kritik unterbinden will. Da werde ich ebenfalls sauer. Kritik ist eine Pflicht, nicht nur eine Übung. Denn Kritik ist ja nicht das Abwerten von Ideen, sondern deren Verbesserung. Kritisches Denken und Schreiben - vor allem durch die Medien - gegenüber den gewählten Politiker:innen macht die vierte Macht im Staate aus. Nicht nur in Dänemark.
Und genau diese vierte Macht zerbröckelt nicht leise, sondern ziemlich laut. Wenn ein Staat die Medien kontrolliert, wer kontrolliert dann die temporären Machtinhaber? Und das macht mich nervös und sauer, wie sich diese Entwicklung der Zensur verbreitet.
Zum Glück finden sich Journalist:innen, die ihrem Ethos des Berichterstattens und der kritischen Anmerkungen folgen. Sie können sich das leisten, weil sie unabhängig sind. Jeden Morgen suchte und abonnierte ich solche freien und kritischen Journalist:innen, damit ich wenigstens einen Überblick über die Welt bekomme, in der ich gerne lebe.
Das Sammeln wurde zur Arbeit. Also habe ich aufgehört zu sammeln — und angefangen zu kuratieren.
Jetzt und heute geht das viel leichter von der Hand, nachdem ich das Sammeln automatisiert habe: www.infacted.ca
Das ist meine persönliche Liste freier Journalist:innen und Medien, um meinen Wissensdurst an faktisch-gefüllten Nachrichten zu stillen.
Damit die vierte Macht nicht still wird.
So. Jetzt wissen wir beide, womit ich morgens nach dem Schreiben des Morgensplitters anfange.



