Wörtergrube
Die Grube ist gut gefüllt. Fast bis zum Überlaufen sehen mich diese vielen ersten Wörter an. Also diese Kombinationen an Buchstaben, die morgens um fünf die kleine Tür aufstossen und rufen:
“Hallo, hier bin ich.”
Die letzten Tage wurden diese Wunderfitzigen arg enttäuscht. Ihre Hoffnung war ja, den Wecker zu stellen, um als erstes morgens meinen Synapsen einen guten Morgen zu wünschen. Pünktlich tauchte jedes einzelne von diesen Morgenwörtern auf, grüssten freundlich und landeten auf dem Abstellgleis. Kein einziges dieser in sich wunderbaren Wörter hat es zu einer Geschichte geschafft. Und ich fühle mich schuldig. Sorry, guys.
Die letzten Tage waren etwas hektisch. Und teilweise chaotisch angehaucht. Immerhin habe ich ein zweites Mal den grossen Umzug von der Schweiz nach Kanada gewagt. Wie das? Nun, meine geschäftlichen Beziehungen mit der Schweiz und Deutschland reichen über zwanzig Jahre zurück. Wobei der Begriff Beziehungen etwas schwach wirkt. Aus dem einfachen geschäftlichen Austausch von Dienstleistungen und Zahlungen ist mehr geworden. Das Vertrauen wuchs, die Wertschätzung den dort arbeitenden Menschen gegenüber ebenso. Und diese vielen Geschichten des Gemeinsamen lassen sich nicht einfach wegradieren. Das wäre ja noch schöner.
Doch die Zeiten ändern uns. Und die Situationen, in denen wir manchmal stecken. Freiwillig, hoffentlich.
Seit ich Team Canada angehöre, mit allem drum und dran, da hat sich die Situation mehrmals neu definiert. Und ich habe mich dem Tanz des Lebenszyklus nicht verschliessen können oder wollen. Ich lebe, atme und denke täglich mehr im kanadischen Way Of Life. Oh ja, das ist spannend. Schliesslich bin ich als Basler und Schweizer über sechzig Jahre geprägt worden. Was heute ein enormer Vorteil bedeutet. Denn Basel und seine Begrenztheit in räumlichen Dingen, eingezwängt zwischen Deutschland, Frankreich und Basellandschaft, dies hat der Fantasie mehr Platz geboten. Doch am meisten hat mich das Ignorieren von Grenzen beeinflusst. Als Jugendlicher bin ich öfters über die französische oder deutsche Grenze gefahren, um den Samstagabend oder das ganze Wochenende dort „im Ausland“ zu verbringen. Grenzen waren eher eine symbolische, denn eine politische Grösse.
Hier im zweitgrössten Land des Planeten gibt es wenige Nachbarn, die mit einer Grenze aufwarten. Wir haben jedoch drei Küsten - riesige Exemplare - mit denen wir glänzen können. Im Westen und im Osten und sogar im Norden sind wir Insulaner. Irgendwie.
Doch zurück zum grenznahen Nachbarn. Wir haben nur an sich nur zwei direkte Nachbarn. Mit dem südlichen Land der USA verbindet uns immer weniger, aber immerhin die längste offene Grenze der Welt. Und der zweite Nachbar hat seine Grenze auf der Hans Island. Dort grenzen wir an Dänemark. Das macht die Grenzhüpferei von meiner baslerischen Jugend hier etwas weitläufiger und schwieriger.
Und hier ist der Grund, weshalb ich meine morgensplitterigen Freunde der Wörter ignoriert habe. Meine internetgetriebene Infrastruktur habe ich aus Europa endgültig nach Kanada in die Provinz Québec geholt. Nicht aus Lust und Dollerei, sondern rein aus dem Wissen, dass ich in Kanada zuhause bin. In Kanada arbeite und lebe. Und ich meine Daten und Taten in Kanada leben will.
Zudem geht mein aktuelles und bisher grösstes Projekt Ende Jahr an den Start: CANARTA. Dieses Kunst und Künstlerprojekt hat ausschliesslich mit Kanada zu tun. Ja, mit Liebe und Leidenschaft auch.
Nun, irgendwann werde ich auch wegen CANARTA wieder ein Grenzgänger. Ja, in vielerlei Hinsicht. Doch hier werde ich eher zum Provinzübergänger, um Land und Leute von Kanada zu entdecken. Und zu verstehen. Immerhin offeriert mir die nördliche Hemisphäre gleich vier Zeitzonen, die es zu besuchen lohnt.
So, lass mich zum Schluss kommen. Ich will mich bei all den ignorierten Wörtern der letzten Tage offiziell und eindringlich entschuldigen. Sorry, guys. Ich verspreche euch, dass irgendwann eines oder gar alle von euch zu einer Geschichte werdet. Ehrenwort.


