Wieder widerlich.
Ein Auge tastet sich in den neuen Tag. Das andere prüft das Draussen — grau, oder grauer. Die beginnende Helligkeit lockt frische Geister und verdrängt die alten der Nacht.
Heute ist es anders. Heute beschleicht es mich wieder. Dieses Gefühl, das ich verdrängt hatte und das trotzdem immer die Adresse kennt: widerliche Verzweiflung.
Vorbei ist es heute mit der gewohnten Überdosis an Lebenslust. Heute ist mir die Lust an purem Leben vergangen. Die Nachrichten kommen wie Wasser unter der Tür. Ich kann mit der Flut nicht umgehen. Ich kann sie nicht mal umgehen.
Jeden Tag früh am Morgen packt mich eine Welle. Die Welle aus dem Unvorstellbaren, Unmenschlichen, Unsäglichen, das aus allen Kanälen tropft. Und dann taucht sie auf, schleichend und fatalistisch: Die Lust, sich ins Bett zu verkriechen, die Bettdecke über den Kopf zu legen und zu vergessen.
Wie lange wird das Vergessen wohl wirken? Oder etwas bewirken?
Nein. Und nochmal nein. Das funktioniert erst recht nicht. Welcher einigermassen empathische Mensch kann beim Zustand der Welt und deren Politik die Augen verschliessen, den Verstand ausblenden und das Herz auf Notstrom schalten? Klar habe ich das versucht. Immer wieder, bevor mich das Widerliche beim Nachrichtenkonsum am Kragen packen konnte. Doch seit gestern ist mir das zu viel an Zumutungen.
Gestern gab es keine Morgensplitter-Story.
Nicht aus Zeitmangel.
Nicht aus Ideenmangel.
Nein, aus menschlichem Mangel. Der Mangel an Orientierung vielleicht. Oder dem Fehlen des üblichen Hebels, der Hoffnung mit Aktivismus verbindet.
«Spuck in die Hände und tu was!»
Die Spucke fehlt. Die Hände sind kraftlos.
Nein, ich bin nicht wehleidend oder beklagenswert. Sorry. Aber ich gönne mir Momente der Verzweiflung. Ich leiste mir die Zeit, einfach nur angewidert zu sein. Diese Zeit ist vorbei. Heute Morgen, hier, jetzt. Punkt.
Ich habe mir die Nachrichten noch nicht angeschaut, bevor ich diesen Text schreibe. Den wieder erwachten Kampfgeist — gegen Fatalismus, gegen Kriegstreiben, für das, was Menschenrecht noch bedeuten soll — den lasse ich mir von der Flut an News nicht nehmen.
No Effing Way. (Übersetzung nicht verfügbar)
Zurück zu den Basics: Freunde anrufen, Nachbarn fragen, Ideen auf den Tisch. Was Homo Sapiens schon immer getan hat, wenn es eng wurde.
Und in meinem Falle ändere ich die Perspektive. Denn die lässt versteckte Ideen und Möglichkeiten sichtbar werden.
Ich gehe jetzt einen Baum pflanzen.
Meine Grosskinder sollen im Schatten sitzen.



