«Wenn ich ehrlich bin...»
Die Alarmglocken sind eher den Glöckchen zugeordnet, aber sie klingeln dennoch hörbar.
Wenn jemand den Satz mit «Wenn ich ehrlich bin…» eröffnet, dann höre ich, dass ab jetzt das Folgende völlig ehrlich gemeint ist. Na, wie steht es dann mit dem Gehörten oder Gelesenen vorher oder nachher?
Das wirklich Faszinierende ist ja, dass kaum jemand diese Wortfolge in Frage stellt. «Wie? Warst du etwa bisher nicht ehrlich?» wäre ein solches Nachhaken. Ehrlich gesagt. Nun, Floskeln in der Rhetorik sind die Beilagen, die niemand so richtig zur Kenntnis oder gar wörtlich nimmt. Sie sind einfach da, um… ja was bedeuten diese Wörter im Text? Nichts. Die wollen einfach nur herumfloskeln.
Als ich mich noch zeitfressender und intensiver in den Sozialen Medien tummelte, da fielen mir Sätze oder Fragmente auf, die mich stutzen liessen. Als Gestutzter las oder hörte ich Dinge wie “99 % der Leute wissen das nicht…” („99% of people don’t know this…») Moment Mal. 99 % der Leute? Von welchen Leute und über wieviele Leute in Zahlen reden wir hier? Und dann fällt diese Hammeraussage: “Die wollen nicht, dass du das weisst…” („They don’t want you to know…») Entschuldigung, wer ist mit «die wollen nicht» genau gemeint?
Noch schöner sind die sogenannten Cliffhanger wie „Du wirst nicht glauben, was dann passierte” („You won’t believe what happened next»). Die stossen die Tür der Neugierde sperrangelweit auf. Doch vor allem stellen sie meine bisher privat geltenden Glaubensgrundsätze in Frage. Woher wollen die wissen, ob und was ich glaube? Na also.
Oh, solche und ähnliche Vermutungen lassen sich noch toppen. Wenn ich lese „Nummer 7 wird dich schockieren” („Number 7 will shock you») werde ich ziemlich misstrauisch. Wieso genau diese Nummer und wie gross wird der Schock sein?
Echt schockiert war ich bei diese Satz „Nur kluge Leute verstehen das” („Only smart people will get this») Du fragst dich wahrscheinlich, ob ich dennoch weitergelesen habe. Die Gefahr könnte ja sein, dass ich wirklich nicht verstehe, worum es hier geht. Spoiler: Nein!
„Wie ich 5’000 Dollar im Schlaf verdiente” („How I made $5,000 while sleeping») liess mich aufhorchen. Welcher Schlaf und vor allem, mit wievielen verschiedenen Schlafenden lässt mich 5’000 Dollar verdienen?
Ja, diese rhetorischen Tricks machen Kasse. Nicht bei mir oder bei dir, aber bei den Behauptenden. Einige der Beispiele sind wahre Klassiker und an sich längst entlarvt. Trotzdem funktionieren sie noch immer. Sind wir Homo Sapienser:innen so unfähig, diese taktischen Sätze zu durchschauen?
Jein. Das moderne Gehirn, also das informierte, ausgebildete Gehirn versteht die Haken und Ösen in diesen Sätzen. Doch im Kopf sitzt das Steinzeitgehirn mit dem Ausbildungsstand von damals und ist… NEUGIERIG. Sobald eine Wissenslücke entsteht - Nummer 7 wird dich schockieren - dann juckt es im Feuerstein-Gehirn. Und eine grosse Prise Dopamin meldet sich, weil es eine Lösung erwartet. Nein, nicht die Auflösung ist der Kick, sondern die Erwartung davon. Sagen zumindest die Psychologen. Denn in der Steinzeit war eine Lücke im Wissen meistens mit dem Speiseplan des Säbelzahntigers verbunden. Und das bedeutet Gefahr für Leib und Leben. Vor allem in der Steinzeit. Doch das ist nicht der einzige Trick der Verführung zum nächsten Klick. Wenn «99% der Leute wissen das nicht…» auftaucht, dann sind wir kein Mitglied im exklusiven Club der Wissenden. Und das kann das steinzeitige Gehirn so nicht stehen lassen.
Das wirklich Tragische in diesem unseren Verhalten der modernen Zeit: Unser Gehirn geht gerne den bequemeren Weg - und lädt zum Klicken ein.
Und spart damit Energie. Der Kopf wird zur Energiesparlampe.
Obwohl die meisten von uns (99%, erinnerst du dich?) über diese Tricks Bescheid wissen,sind wir dennoch nicht immun.
Keine Sorge - das ist keine neue Erfindung aus dem Internet. Das steckt in unserem Gehirn und wird dort wohl überwintern.
Wenn ich ehrlich bin: Wir lernen aus der Geschichte - vielleicht - aber nicht aus unserem Verhalten.
„Nur kluge Leute verstehen das” („Only smart people will get this”)



