Welch ein Gaudi!
«In die Liebe zu fallen» gehört auch heute noch zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Im Englischen klingt «Falling in Love» ehrlicher — wer fällt, hat die Kontrolle abgegeben.
Wer fällt, der landet - hoffentlich - irgendwo auf festem Untergrund. Nun, es waren nicht nur menschliche Geschöpfe, die mich in Liebe fallen liessen. Da ist noch viel mehr.
Es gibt nebst Newmarket und Basel noch zwei Räume auf dem Planeten Erde, in denen ich gelandet bin. Der erste Schritt auf dem vulkanischen schwarzen Boden von Lanzarote: als hätte jemand den Planeten gewechselt und vergessen, es mir zu sagen. Oh ja, ich habe es versucht zu beschreiben, aber die Eindrücke waren zu prägend, um das Gesehene und Erlebte in eine Tastatur oder auf ein Blatt Papier zu schreiben. Der erste Schritt in Barcelona hatte eine ähnliche Wirkung auf mich und die resultierende Schreibblockade.
Mein Gedanke in beiden Räumen war: «Kann das wirklich sein?»
Erst später bemerkte ich die Verbindung zwischen Barcelona und Lanzarote. Zwei Namen, ein Lehrmeister: Antoni Gaudi und César Manrique. Beide Künstler nahmen sich die Natur vor, um von ihrer Vielfalt zu lernen und damit ihre Kunst zu gestalten. Wahrscheinlich findet sich deshalb in beider Kunst kaum eine rechtwinklige Darstellung, denn die Natur ist weder recht noch winklig. Sie ist das Gegenteil von allem, was ein Reißbrett je gedacht hat.
Wer sich in Barcelona in die Bauwerke des Antoni Gaudi fallen liess, der versteht die Inspiration, die er aus der Natur zog. Die Casa Batlló glänzt mit einer Fassade, die wie ein Drachenrücken das Stadtbild belebt. Die Casa Milà sieht aus, wie ein vom Meer geschliffener Fels und der Park Güell mit seinen gekrümmten Bänken aus Keramikscherben wirken eher aus einer fiktiven Welt. Und das monumentale Gebäude der Sagrada Família baute Antoni Gaudi 43 Jahre baute, bevor er von einem Drämmli überfahren wurde.
Gaudi war irgendwann Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ein Kind. Ein Kind, das an Rheuma litt. Da er nicht mit den anderen Kindern spielen konnte, begann er Pflanzen, Schnecken, Felsen und Insekten zu beobachten. Die Architektur der Natur kannte keine rechtwinkligen Konstruktion, aber genial und erstaunlich anmutende Tragkonstruktionen. Der Baum mit seinen Ästen ist ein alltägliches Beispiel dafür.
Nebst der Natur war Gaudi der Gothik und vor allem dem religiösen Glauben der Katholiken zugetan. Pablo Picasso konnte Antoni Gaudi deshal nicht ausstehen.
César Manrique könnte Gaudi’s Erbe sein. Manrique war Bildhauer und Maler aus Arrecife auf Lanzarote. Mitte der Sechzigerjahre flog er nach New York und machte sich einen Namen als abstrakter Maler, der von Nelson Rockefeller unterstützt wurde. Immer wenn Manrique seine Herkunft Lanzarote erwähnte, löste dies entweder ein Fragezeichen im Gesicht des Gegenübers aus oder Kommentare wie «ach diese vulkanische Müllhalde». Manrique zog es zurück auf eben diese schwarze Vulkaninsel Lanzarote und er schwor sich, daraus einen der schönsten Orte des Planeten zu machen, bevor der aufstrebende Massentourismus die Insel völlig verschandeln konnte.
Auch César nahm sich die Natur zum Vorbild. Wenn Gaudi die Natur als Grundlage für die Architektur nutzte, dann machte Manrique das Gegenteil. Er baute die Architektur in die Natur hinein und sorgte dafür, dass die Natur das letzte Wort behielt. Sein imposantes Wohnhaus Taro de Tahíche sitzt in fünf Lavablasen eines Vulkanausbruchs; die Jameos del Agua sind eine eingestürzte Lavaröhre, in die er ein Konzertlokal, einen Pool und einen Garten legte; der Mirador del Río ist ein Aussichtspunkt, der so in die Klippe geschmiegt ist, dass man ihn von aussen kaum sieht. Er nannte das «Arte-Naturaleza / Naturaleza-Arte» — Kunst und Natur als Kreislauf. Drei Farben, mehr brauchte er nicht: Schwarz der Vulkanerde, Grün der Pflanzen, Weiß als Wegweiser.
Die beiden Männer haben auch meine Sichtweise geschärft, obwohl ich weder Gaudi noch Manrique je kennen gelernt habe. Auf dem Trail marschiere ich nicht, um schnell wieder zuhause anzukommen. Ich latsche eher im Intervall-Rythmus. Oder auf gut kanadisch: Stop & Go. Deshalb finde ich das Leben an sich und meines insbesondere ausgesprochen bäumig. Diese herumstehenden und wippenden Zeitzeugen des Jahreszyklus verlieren lediglich die Blätter, aber keinen Millimeter an Faszination. Ja, ich bin ein Bäume und Wolkenwanderer.
Sich in die Liebe fallen zu lassen, fühlt sich aussergewöhnlich natürlich an.
By MiljenkoSuljic - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=161237266



