Weisse Greise. Greise Weisse.
Ältere Menschen haben Unmengen an Erfahrung. Warum? Vermutlicher Grund: sie hatten viel mehr Zeit, etliche Weisheit einzusammeln.
Heisst das nun, die Langzeitmenschen sind aus zeitlichen Gründen weise oder einfach nur weiss geworden?
Vielleicht ist das eine Frage zwischen Weisheit der Alten oder Dreistigkeit der Jugend.
«Hör auf, dich selbst als weise zu nennen.»
Ach so, das ist wie mit der Attraktivität. Das Umfeld, sprich andere Menschen sollen dir solche Wertigkeiten verleihen. Wenn du das selbst tust, wirkt das irgendwie befremdlich und riecht nach Narzisse.
Nun, das Aussehen ist von Beginn an etwas fremdbestimmt, weil die Gene eine riesige Portion an Mitspracherecht haben. Zudem vergeht dem guten Aussehen die Lust an demselbigen und es übernimmt die Erscheinungen des Alterns als Gegebenheit.
Der Weg zur Weisheit funktioniert genau umgekehrt. Die Gene haben beim Gestalten von Weisen kaum etwas zu melden. Oder gibt es genetisch veranlagte Babies? Na also.
Wer sich der Weisheit verpflichtet fühlt und sich ihr nähern will: Viel Glück. Und Ausdauer, meine Herrschaften.
Der Weg ist lang und mit riesigem Angebot an Stolpersteinen gepflastert.
Welche Zutaten braucht es, um irgendwann im höheren Alter als weise zu gelten?
Nun, bevor wir alle nach dem verschwundenen Rezept suchen, lass uns doch mal einen Blick in die Weltgeschichte - also die vergangene - werfen. Nicht nur zum Schein. Welche Persönlichkeiten gelten heute als besonders weise und falls ja, warum?
Selbstredend taucht sofort der Name Sokrates ins Blickfeld. Der Urvater der Philosophie wird vor allem eine Weisheit zugeschrieben, als er meinte: «Ich weiss, dass ich nichts weiss» Mit diesem Satz hat der olle Philosoph Millionen von Heranwachsenden zu nerviger und konstanter Fragerei angestiftet. «Warum ist der Himmel blau?»
Sokrates geistiger Nachbar hiess Konfuzius, der sich in den Frühsport der Ethik verliebt hatte. Ihm waren ein paar rare Eigenschaften enorm wichtig. Also Dinge des täglichen Lebens wie Respekt gegenüber anderen, um dadurch etwelche soziale Harmonie zu er zeugen. Und natürlich das Mass aller Dinge: Beim Konsum von wasauchimmer etwas Masshalten. Und die Menschen in Bayern nicken wissend und lächelnd.
Ein wichtiger Spielverderber von Konfuzius war Laotse. Der hat sich exakt dem gegenteiligen Entwurf gewidmet. Er empfahl als der Weisheit letzter Schluss einfach das schlichte Loslassen. Das Gewährenlassen, also nicht eingzugreifen. Häh?
Nun, die Weisen der Antike mögen ja Bleibendes gesagt sprich aufgeschrieben haben. Aber sind die nicht etwas zu verstaubt und zu alt, um in diesen hochmodernen Zeiten etwas Leben in das Departement der Weisheit zu bringen?
Da sind schon ein paar Namen, die als wichtige Vertreter der Weisen gelten mögen.
Montaigne (1533–1592) — Der Mann war schlicht der Erfinder des Essays, also wörtlich: des «Versuchs». Er zog sich mit 38 auf sein Schloss zurück, liess sich Zitate in die Deckenbalken schnitzen und begann, über sich selbst zu schreiben — über seine Nierensteine, seine Vergesslichkeit, seine Katze («Wer weiss, ob nicht sie mit mir spielt?»). Er nahm sich selbst als Beweisstück für die menschliche Natur, ohne sich je zu wichtig zu nehmen. Das nenne ich so richtig revolutionär. Sein «Que sais-je?» — Was weiss ich denn schon? — wirkt wie Sokrates, aber mit einem Lächeln. Seine Weisheit? Er hat sich selbst beim Denken zugesehen — und dabei herzlich gelacht.
Spinoza (1632–1677) — Der legte gleich einen fulminanten Start ins Leben, als er mit 23 Jahren aus der jüdischen Gemeinde Amsterdams verbannt und mit einem Fluch belegt wurde. Sein Charakter hätte bitter werden können. Stattdessen begnügte er sich mit dem Schleifen von Linsen für Mikroskope und Teleskope. Der Mann wollte klarer sehen und er verdiente sein Brot damit, andere klarer sehen zu lassen. Als ihm Heidelberg einen Lehrstuhl anbot, lehnte er ab: Die Freiheit des Denkens sei ihm wichtiger als der Lohn fürs Denken. Er wollte menschliche Handlungen «nicht belachen, nicht beweinen, sondern verstehen».
Eine Generation weiter, ein anderer Kontinent — aber dieselbe Schule: Gandhi, Mandela, der Dalai Lama. Sie vertraten die Einsicht, dass Rache die einzige Währung ist, die den Besitzer ärmer macht. Gandhi zwang ein Empire in die Knie, indem er sich schlagen liess. Mandela lud seinen Gefängniswärter zur Amtseinführung ein. Der Dalai Lama nennt die Chinesen «meine Lehrer der Geduld». Natürlich lässt sich streiten, wie viel davon Strategie war und wie viel Charakter. Diese Unschärfe mag der Kern sein, denn diese Menschen machten aus der Tugend eine Waffe, gegen die es keine Verteidigung gibt.
Vaclav Havel (1936–2011) — Er war der inhaftierte, dessen Theaterstücke im Westen gefeiert wurden. Sein berühmtester Gedanke handelt vom Gemüsehändler, der das Schild «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» ins Schaufenster stellt — nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit und Angst. Havels Punkt: Die Diktatur lebt nicht von Panzern, sondern von Millionen kleiner Mitmach-Gesten, ergo Mitläufer:innen. «Leben in der Wahrheit» heisst, das Schild wegzulassen. 1989 wurde aus dem Häftling der Präsident — und er blieb einer, der im Präsidentenpalast mit dem Trottinett durch die Gänge fuhr. Er schien dem Amt nie ganz gewachsen sein zu wollen — und genau das war der Plan. Wirkt weise, irgendwie.
Beim Blick auf die Mächtigen dieser Welt, also die politischen Inhaber machtvoller Positionen, dann fallen die wenigsten als «weise» aus dem Raster. Sollten diese Entscheider über das Wohl ihrer Bürger als Grundelement etwas Weisheit besitzen? Oder wäre das eher ein störendes Element? Vielleicht ist Dreistigkeit eine wichtigere Eigenschaft, um den Kampf in der Politik zu bestehen.
Der Weise zweifelt an sich und fragt die Welt. Der Dreiste zweifelt an der Welt und fragt sich - nun - weniger. Beide treten selbstsicher auf — nur speist sich die Sicherheit des Weisen aus dem, was er geprüft hat, und die des Dreisten aus dem, was er ignoriert. Sokrates wusste, dass er nichts wusste. Der Dreiste hat dieses Memo nie erhalten.
Der feinste Unterschied liegt vielleicht im Tempo: Weisheit braucht Umwege, Dreistigkeit nimmt die Abkürzung. Und weil die Abkürzung schneller ans Ziel führt, verwechselt das Publikum sie gern mit Kompetenz — bis die Brücke einstürzt, die der Dreiste ohne Statik gebaut hat.
Bertrand Russell hat das Dilemma auf den Punkt gebracht: Die Klugen sind voller Zweifel, die Törichten voller Gewissheit.
Die Menschheit hat fast nie Sieger zu Weisen erklärt. Sokrates wurde hingerichtet, Konfuzius scheiterte als Politiker, Spinoza wurde verbannt, Mandela sass 27 Jahre in einer Zelle.
Weisheit scheint im Rückblick fast immer denen zugesprochen zu werden, die Macht hätten nehmen können — und es nicht taten.
Hey, warte mal. Warum finden sich keine Frauennamen in der Liste der Weisen dieser Welt? Keine einzige? Stehen die weisen Frauen etwa immer hinter den Männern und zeigen ihnen den Weg zur Weisheit? Wer weis das schon?
Was hat die Frauen denn gehindert, im hohen Alter als weise zu gelten? Nun, Die Frage ist falsch gestellt: «Wer hat die Frauen gehindert?» — Antwort: fast alle, die das Schreiben, die Bühnen und die Schüler verwalteten.
Wer durfte überhaupt? Weisheit steht nicht im Regal, wie die Geschichte sie zählt. Der Weg zur Weisheit braucht erstmal Zugang zu Bildung, zu Schülern, zu Schreibmaterial, zu öffentlichem Raum. Sokrates diskutierte auf dem Marktplatz — ein Ort, an dem eine Athenerin damals weder etwas verloren noch etwas zu suchen hatte. Konfuzius sammelte Schüler, Seneca beriet Kaiser, Spinoza korrespondierte mit halb Europa. Frauen mit demselben Kopf sassen derweil in Küchen, Klöstern oder Ehen. Weisheit war zuhauf vorhanden, aber den Frauen fehlte die Bühne, das Pergament und die Schüler, die mitschrieben.
An wen erinnert sich die Geschichte? Selbst wo Frauen dachten und schrieben - die Entscheidung lag stets bei den machthabenden Männergilden. Sie entschieden, was in die Bücher kam. Die Chronisten, Kirchenväter, Universitäten und Lexikonredaktionen bildeten nicht nur Schüler, sondern auch eine jahrhundertelang dauernde geschlossene Männer-Gesellschaft. Was Frauen dachten, wurde oft unter anderem Etikett abgelegt: «Mystik» statt Philosophie, «Briefe» statt Werk, «Muse» statt Denkerin.
Die Weisheit der Frauen wurde nicht einfach ignoriert - das wäre ja fatale Ignoranz - sie fand einfach in anderen Formen statt. Im Brief, in der Erziehung, im Zusammenhalten von Gemeinschaften. Man hat sie nicht übersehen. Man hat sie umbenannt — in Klugheit, Fürsorge, Intuition. Gleiche Substanz, kleineres Etikett.
Mit etwas Grübeln im Kopf und Graben in der Geschichte tauchen ein paar Frauennamen auf, die als Weise und als weise gelten.
Diotima — die Frau, von der ausgerechnet Sokrates sagt, sie habe ihn gelehrt, was Liebe ist; ob historisch oder Platons Erfindung, bleibt offen — bezeichnend ist, dass schon die Antike Weisheit einer Frau nur als Legende zuliess.
Aspasia — Lehrerin der Rhetorik in Athen, angeblich hörte ihr sogar Sokrates zu; überliefert ist sie hauptsächlich als «Geliebte des Perikles»
Hypatia von Alexandria — Mathematikerin und Philosophin, von einem christlichen Mob ermordet; ihr Schicksal zeigt, was Filter eins im Extremfall bedeutete.
Rabia von Basra — Sufi-Mystikerin des 8. Jahrhunderts, die lehrte, Gott aus Liebe zu dienen statt aus Angst vor der Hölle — Jahrhunderte vor ähnlichen Gedanken in Europa.
Hildegard von Bingen — Universalgelehrte, die es nur deshalb in die Überlieferung schaffte, weil das Kloster die eine Nische war, in der eine Frau schreiben durfte.
Murasaki Shikibu — schrieb um das Jahr 1000 den vielleicht ersten Roman der Weltliteratur, voller Menschenkenntnis, die jedem Stoiker gut angestanden hätte.
Émilie du Châtelet — übersetzte und korrigierte Newton; Voltaire nannte sie «einen grossen Mann, dessen einziger Fehler es war, eine Frau zu sein» — als Kompliment gemeint, als Diagnose brauchbar.
Hannah Arendt — dachte über die Banalität des Bösen nach, als alle nach Monstern suchten.
Simone Weil — die Philosophin, die in die Fabrik ging, um zu verstehen, worüber sie schrieb — gelebte Konsequenz, an der ein Seneca gescheitert wäre.
Etty Hillesum — schrieb im Durchgangslager Westerbork Tagebücher von einer Gelassenheit, die den Stoikern ebenbürtig ist; sie starb in Auschwitz
Wangari Maathai — pflanzte Bäume gegen ein Regime und bewies, dass Geduld politisch sein kann.
Was alle diese Namen verbindet: Weisheit war nie ein Kampf der Geschlechter, sondern der Etikettierung.
Ich weiss, dass ich nicht weise bin. Nur neugierig.



