Ken Sim zum Beispiel, Bürgermeister im Westen Vancouvers, Kanada. Erstaunt hat Ken Sim, als er nach seiner Abwahl sagte: «Das ist der schönste Moment meines Lebens.» Ein Verlierer, der sich wie ein Gewinner anhört. Die Wirkung erinnert dennoch an eine europäisch geprägte Geste. Verlieren ist nicht Glückssache, sondern gehört eher dem Charakter zugeordnet. Denn der entscheidet, wie der Verlust einer Wahl, einer Wette, einer Beziehung oder eines Lebewesens die Zukunft gestaltet. Hat die Bitterkeit ein Haltbarkeitsdatum oder verschwindet sie irgendwann ganz von selbst?
Ist das Verlieren keine Schande, sondern eher eine Herausforderung?
Wer verliert schon gerne? Abgesehen bei Problemen und anderen Schwierigkeiten? Die können sich gerne irgendwo verlieren.
In meiner Altersgruppe der Altsiebziger gehört das Verlieren beinahe schon zum Tagesablauf. Wer die Geduld verliert, wenn die Bedienung auf sich warten lässt. Wer den Schlüssel oder die Brieftasche verliert, wird sich grün und blau ärgern. Immerhin sorgt das für ein paar Farbflecken im grauen Alltag. Doch das wirklich bedrohliche ist der Verlust des Geistes — wenn das Alter den Verstand Stück für Stück abträgt, wie Wasser einen Stein. Wenn der Name oder sonst ein Wort einfach nicht auftauchen will, obwohl der Kopf auf intensive Recherche gepolt ist. Das ist mehr als ärgerlich. Das ist die erste Ahnung, wie es sich anfühlen könnte, sich selbst zu verlieren.
Wenn aus dem einfachen «ärgerlich» des Verlierens mehr wird, dann lässt sich der Verlust nicht mehr wegstecken. Das Leben verlieren zum Beispiel. Wenn mitten im Lauf der statistischen Lebenserwartung diese durch einen Schuss, eine Krankheit oder einen Unfall abgebrochen wird. Dieser Verlust ist kaum zu beschreiben. Er steht im Raum als unumstösslich und als reine Tatsache. Ein Mensch ist nicht mehr da unter uns Lebenden.
Vom privaten Verlust zum öffentlichen ist es nur ein Schritt — dann wird aus dem Tod ein Spektakel, und es wird brenzlig mit den universellen Menschenrechten. In den Medien war zu kürzlich zu lesen, dass in den Vereinigten Plagen von Amerika das öffentliche Erschiessen wieder eingeführt werden soll. Ein zum Tode verurteilter dreizehnfacher Mörder namens Nidal Hasan soll am 3. Dezember dieses Jahres auf dem Stützpunkt Fort Hood erschossen werden. Erst hat die US Administration angekündigt, dass der Vorgang durch das Erschiessungskommando per Live Stream für die Weltbevölkerung zu verfolgen sei. Ein Jahrmarkt-Spektakel für das Volk. Von dieser Idee sind die Verantwortlichen wieder abgekommen.
Sie haben die Idee der Exekution per Handy wieder verworfen.
Wer hat bei beim Aussprechen dieser ursprünglichen Idee den Boden der Realität verloren?
Niemand mag freiwillig verlieren. Das liegt in der Natur des Verlustes. Dennoch hat das Verlieren an sich ein paar lehrreiche Folgen. Nicht immer, aber oft. Wer sich in einer Idee verliert, wird nach der harten Bodenlandung viel gelernt haben. Vor allem, wie eine überzeugende Idee schlussendlich doch nicht so gut war, wie gedacht.
Ich betrachte soeben all diese Momente der letzten siebzig Jahre, in denen ich verloren habe. Ach du meine Güte. Die Liste ist extrem lang. Ich habe scheinbar den Überblick über die Verluste verloren. Hat mir das Verlieren etwa geschadet? Nein, nicht wirklich. Oder besser noch: Im Gegenteil. Die Lernkurve beim Verlieren von Geld, Ansehen, Macht, Gesicht, Status ist nie schlimm. Nur lehrreich.
Beim Verlieren von geliebten Menschen und anderen Lebewesen sieht die Sache anders aus. Doch da bleibt immerhin ein riesiger Schatz an Erinnerungen an einen Menschen zurück. Und ich pflege immer wieder den Umstand, dass ich diesen und jenen Menschen überhaupt getroffen und kennengelernt habe.
Heute und morgen praktiziere ich die Kunst des Verzichts auf Dinge, die ich nicht wirklich brauche. Wahrscheinlich kennen dies die meisten von uns, wenn ein Umzug der Habseligkeiten bevorsteht.
Ich will Dinge aus den Augen verlieren.
Für immer.
Das macht freier beim Atmen und beim Bewegen, wenn mancher Ballast seine Anwesenheit bei mir verliert.
Sorry, Ballast. Es war schön, aber jetzt reicht’s.



