Immer mal wieder ermahne ich mich, an Gelesenem oder Gesehenem zu zweifeln. Der Zweifel ist kein Snack zum Nebenbei-Konsumieren. Er ist das, was das Gehirn wachhält, wenn es eigentlich schlafen will. An sich eine tolle Sache, wenn Informationen unters Mikroskop wandern und dort etwas seziert werden.
Dann mischen sich plötzlich aus irgendeinem Hinterhalt im Kopf drei Buchstaben ein: VER. Aus dem Zweifeln wird Verzweifeln. Mit einem synapsischen Fingerschnippen ist die Neugier verschwunden und der Verstand versteht die Welt nicht mehr.
Drei Buchstaben, die nach Belieben zerstören oder veredeln. Mehr Macht hat sonst nur die Grammatik.
Es fühlt sich immer gut an, einen anderes Lebenwesen zu lieben. Doch in der Pubertät schlitterte das Verlieben in meine Gefühlswelt und und liess mich tagelang nicht mehr wissen, wo oben und unten ist. Das war eine seltsame Entwicklung, wenn aus einem übersehbaren Gefühl ein Karussell aus hochjauchzendem Himmel und tödlich betrübter Laune wird.
Wieso konnte ich meinem Gefühl nicht mehr trauen? Es wäre doch so einfach, wenn daraus Vertrauen entstünde. Wo bleiben die drei Buchstaben VER, wenn man sie dringend braucht? Stattdessen werden die drei Fragezeichen angeliefert.
Der Zauber der Liebe ist nach wie vor faszinierend, aber er verzaubert nicht mehr so oft. Aus dem Edlen des ehrlich Liebenden muss man selbst für das Veredeln sorgen. So lässt sich das Schöne einfacher verschönern.
«Ich stehe auf…» was auch immer. Diese simplen Wörter bedeuten nicht viel ausser dem Anschein von Begeisterung. Doch wenn das Verstehen beginnt, dann wird es spannend. Die Ansichten wandeln oder verwandeln sich zu neuen Perspektiven. Die bisher süssen Meinungen lassen sich ohne weiteres noch mehr versüssen.
So viel zur hellen Seite von VER.
Moment Mal, da ist noch mehr und vor allem eine andere Seite derselben VER-Medaille. Das ganze Verwandeln funktioniert im Negativen fast noch besser.
Willst du mal raten, welche Begriffe das sind? Aus dem Raten wird plötzlich verraten. Verdammt. Jetzt wäre es Zeit für etwas lautstarkes Fluchen. Stimmt’s? Ach, das Verfluchen ist noch stärker? Ja, solange es nicht mich selbst betrifft, als Verfluchter durch die Welt zu latschen.
Dann wähle ich lieber eine Eigenschaft, die mit dem Führen zu tun hat. Wie, ich habe mich verwählt?
Wenn aus dem Führen die Verführung wird, dann gilt dies als Vergehen.
Das Urteil lässt nicht lange auf sich warten: verurteilt, verbannt. verstossen. Für die Opfer bleibt die Verstörung.
Für die Verführer die Verachtung.
Wer immer ein Prefix mit VER zu verantworten hat, dem waren die Verwicklungen und Verirrungen wohl kaum bewusst.
Vermute ich zumindest.



