Verantwortung ist ein solches Wort, das stets mit Konsequenzen flirtet.
Das Wort hat viele Dinge im Gepäck. Einige sind verlockend und versprechend, während andere eher bedrohlich wirken. Wer hat sie nicht gespürt, diese Hand auf der Schulter, die sagt: das war dein Fehler? Als Heranwachsender taucht bald mal das Wort auf und ermahnt: «Hey, du wirst jetzt persönlich für deine Taten einstehen.»
Die wunderbare Leichtigkeit des Seins ohne Konsequenzen ist vorbei. Oder war vorher nur bedingt vorhanden.
Mich wundert die Zusammensetzung dieses Begriffs. Warum steht in der Mitte «Antwort»? Antwort worauf? Auf einen Vorwurf oder gar eine Anklage? Die Antwort darauf ist JEIN.
Das Wort ist ein Baukasten: «ver- + ant- + Wort + -ung». Jedes Teil erzählt mit. Mit ant- ist ein altes Präfix «gegen, entgegen» gemeint und ist ein Verwandter des griechisch beeinflussten «anti» wie beispielsweise bei Antlitz. Übersetzt bedeutet Antwort eigentlich «Gegen-Wort». Das ver- verstärkt und vollendet den Begriff. Man antwortet nicht nur, sondern man steht für etwas ein. Und schlussendlich macht «-ung” aus der Handlung einen Zustand. Na also, geht doch.
Wenn jemand damals im Mittelhochdeutschland angeklagt wurde, dann musste er sich «verantwürten». Auf normales Deutsch übersetzt heisst das, sich zu verteidigen oder auf die Anklage zu antworten.
Die Lateiner sahen das anders. Wo die Germanen einen Vorwurf hörten, hörten sie ein Versprechen. Ihr lateinischer Begriff heisst «Respondere» und ist zweigeteilt. «Re» steht für zurück und «Spondere» meint «feierlich geloben». Oha. Die Lateiner antworteten mit einem Versprechen und die Germanen mit einem Vorwurf.
Hier in den englisch-sprechenden Gegenden wird «responsible» und im französischen Teil «responsable» als eine Verpflichtung angesehen und erst dann wird Rechenschaft eingefordert.
Verantwortung und Responsible lassen die denkenden Wesen eher Mal nachdenken, bevor sie sich einer Handlung hingeben. Vor allem bei allfällig illegalen Handlungen in ihrer Planungsphase kann das etwas längere Nachdenken etlichen Schaden verhindern. Natürlich ist es für uns Verantwortungs-Betroffenen eher mühsam, wenn wir unsere Taten ausbaden müssen. Aber so funktioniert eine gerechte Gesellschaft in der Grundstruktur des Humanismus.
Und wie sieht die Sache heute aus?
Oh nein. Ich lese die Nachrichten von heute Morgen — und suche das Wort vergeblich.
Jeden morgen setze ich mich hin, sammle meine Nachrichten des Morgens und ich sehe mich erstaunt, erschrocken, entsetzt, hoffnungsvoll und vor allem fragend. Viele der Nachrichten lassen mich fassungslos in die Röhre gucken, in der dieses Wort «Verantwortung» kaum zu sichten ist. Wann hat sich der Begriff über Verpflichtung und Anklage von der Weltbühne verabschiedet? Habe ich dieses Memo nicht bekommen, dass Verantwortung im 21. Jahrhundert als unerwünschtes Wort mit einem Bann belastet wird?
Aber halt. Der Schein trügt — oder betrügt. Denn andernorts wird das Wort noch laut gerufen. Überall auf der Welt und teilweise auch kürzlich an der UN Versammlung wurde deutlich, dass sich Menschen nicht nur an Verantwortung als Forderung erinnern, sondern sie auch einfordern. Verantwortungsloses Verhalten ist kein Fundament, auf das die Weltgemeinschaft bauen kann oder soll. Das meint zumindest die an sich sehr kurze Geschichte der Menschheit bis anhin.
Ich ermahne mich immer und immer wieder, meine persönliche Verantwortung und dessen Bewusstsein nicht zu ignorieren. Das ist eine verdammt mühsame Sache, sich einen solchen Spiegel noch vor der morgendlichen Rasur vorzuhalten. Aber er ist notwendig. Ich bin ein Teil der menschlichen Spezies im späten Erwachsenenstadium. Das ist Grund genug, meine Verantwortung wörtlich zu nehmen und mein prospektives Versprechen einzuhalten. Ja, ich fühle mich zuständig für meine Familie und meine Freunde Manchmal gilt das auch für Fremde. Und oftmals reicht das Lächeln eines Fremden als Quittung.
Ja, ich sehe viele, erfreulich viele Ereignisse, die mit Verantwortung direkt zu tun haben. Freiheitlich gestaltete Homo Sapiens sind inzwischen durchtrainiert, wenn es um Gerechtigkeit und Verantwortung geht. Und sie melden sich zu Wort, sei es auf der Strasse oder im Parlament.
Und vielleicht trägt am Ende sogar die Hoffnung ihren Teil der Verantwortung — freiwillig.



