United Hates of America?
Grund und sätzlich mag ich Überraschungen. Das Unerwartete ist der bessere Erzähler. Die Routine hält einfach die Klappe. Doch manchmal überbordet der Effekt des Überraschtseins.
Wer hätte sich jemals träumen lassen, dass sich die Vereinigten Staaten von Amerika in die faschistische Ecke manövrieren lassen würden? Ich nicht. Zudem überlasse ich das Träumen meistens mir selbst. Fast jeden Morgen stelle ich mir eben diese Frage, wenn wieder Unverschämtes vom Süden in meine nördliche Nachrichtenkanäle geschwemmt wird.
Vor ein paar Tagen ist die Überraschung der Neugier gewichen. Der US Historiker Steven J. Ross hat mich mit seinem neuen Buch «The Secret War Against Hate» überrascht: Der Faschismus Made in the USA ist nie verschwunden. Er hat sich einfach unter die Oberfläche, sprich in den Untergrund verzogen.
In eben diesem uramerikanischen Untergrund ab 1945 brodelte es stark. Die Zahl der Mitglieder des Ku-Klux-Klan stieg stark an, als die Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg aus Europa in die Staaten zurückkehrten. Einige dieser Veteranen fühlten sich von der Regierung als verratene Generation, weil ihrer Meinung nach die jüdische und schwarze Bevölkerungsgruppen während des Krieges bevorzugt wurden. Der Trend zu Antisemitismus und Rassismus erlebte eine Renaissance. Somit war der Weg für die White Supremacy (Weisse Vorherrschaft) neu geteert.
Die Idee einer ausschliesslich weissen Bevölkerung der USA? Das sind Tendenzen, die mir Übelkeit bescheren.
Mai 1945 in Midtown Manhattan verfassten in den Büros von der Non-Sectarian Anti-Nazi League, der Anti-Defamation League und des American Jewish Committee drei Spione fast dasselbe Memorandum. “Wir können jede einzelne dieser Hass-Gruppen bekämpfen, solange man sie sich einzeln vornehme. Falls diese Gruppen irgendwann den Weg finden, zusammen zu kommunizieren und zu kooperieren, dann würde der Hass vom äusseren Rand in die Mitte der Gesellschaft getragen. Internet und Soziale Medien waren damals noch nicht mal als Science Fiction angedacht. Ein anderes Horrorszenario war die Vorstellung der antifaschistischen Gruppen war, dass die Nazi-Gruppen eigene politische Parteien gründen oder sich in eine der grossen Parteien einnisten und schliesslich über die Wahlurne die Regierung übernehmen könnten.
Welch abwegige Idee war das denn?
Und das in einem Land meiner alten Hippie Träume von Easy Rider und Woodstock?
Wer waren die vier Paten der White Supremacy damals?
Jesse B. Stoner, Emory Burke, James Madole und George Lincoln Rockwell waren die vier extrem weissen Herren in der Liga der Herrenmenschen. Vor allem einer, Jesse B. Stoner fiel über Generationen als einflussreichste Persönlichkeit der weissen Herrenrasse auf. Seine «Christian Anti-Jewish Party» hatte ein zentrales Ziel: Genozid an der jüdischen Bevölkerung — und danach das Vermögen der Getöteten an weisse Amerikaner verteilen. Der Mann war gleichzeitig als einer der führenden Bombenexperten und als Drahtzieher im Süden bekannt geworden. Auf sein Konto scheinen nahezu einhundert Bombenanschläge auf Synagogen, Kirche der Schwarzen und Wohnhäuser von Geistlichen zu gehen.
Kleine Anekdote vom 18-jährigen Jesse B. Stoner, der unter Polio litt. Er schrieb vor dem Krieg an deutsche Ärzte, ob sie sein Bein richten könnten. Deren Antwort: “Ja — sobald wir Amerika erobert haben.» Welch erbärmliche und eiskalte Erwiderung zugleich.
Der andere monströse Finger war Emory Burke. Er war der Anführer einer Gruppe namens «Columbians», die demonstrativ die Uniformen in der Mode der Nationalsozialisten zur Schau trugen. Zudem beschäftigten sich die Mitglieder mit einer ausgeweiteten Rhetorik, die grösstenteils auf Vernichtung baute.
Doch diese Gruppierungen hatten keinen Freipass für ihre faschistischen Träume. Es gab Gruppen wie di Anti Nazi League, die Anti-Defamation Leage sowie die American Jewish Committe, die den fürchterlichen Bewegungen nicht tatenlos zusehen wollten. Oder konnten.
ein gewisser Stetson Kennedy infiltrierte den Klan und die Columbians und erstellte wöchentliche Berichte, welche wilden Pläne diese Leute schmiedeten.
Rene Fruchtenthal spielte mit dem Feuer. Er liess sich von den Columbians als Sekretär anstellen. Sofort bemängtelte er das chaotische Ablagesystem der Dokumente. Er schlug vor, das System zu entwirren. Die Führung der Columbians war begeistert. In einem Feuerzeug hatte Rene eine versteckte Kamera, mit der er während drei Nächten etwa 200 Dokumente fotografierte. Ergebnis? Die vorher begeisterte Führungsriege der Columbians wurden wegen dieser Dokumente verhaftet.
Der Widerstand hatte Zähne. Und benutzte sie.
Doch ein bitterer Geschmack bleibt zurück: Waren die USA von Anfang an auch das: die Vereinigten weissen Hasser von Amerika? Dieses grosse Land der Freiheiten, der Einwanderer aller Länder dieser Erde und Slogan, das beste aller Länder zu sein?
Die Taktiken des Hasses haben sich in den letzten achtzig Jahren gewandelt. Aus den verrauchten Versammlungssälen der Vierziger Jahre wurden verschlüsselte digitale Foren. Doch die Basis der Psychologie des Hasses ist dieselbe geblieben.
Oh ja, dies ist noch immer eine Morgensplitter-Geschichte. Also eine Story, die lediglich denselben morgendlichen Startmodus hat. Nach dem Aufwachen um halb fünf und dem ersten Schluck heissen Kaffees im Mund warte ich auf ein Wort. Nein, ich warte nicht - ich lasse mich überraschen. Heute morgen hiess das Wort «Hass». Wobei, ich sah im Geiste nicht nur das Wort, sondern eine Schlagzeile: «Hass in den USA».
Beim Überfliegen der Texte von Steven J. Ross schlug meine Stimmung in grosses Unbehagen um. Und dieses Gefühl von Machtlosigkeit gegenüber den lauernden und aktiven Bewegungen des Hasses ist lähmend. Das ist der Grund, weshalb ich zwei Tage lang keine Morgensplitter-Story schreiben konnte. So nebenbei bemerkt.
Doch dann kippt es. Die Stimmung dreht — von Lähmung zu einer alten, hartnäckigen Frage: Wer hält dagegen? Wir, die friedliebenden Bürger einer Gemeinschaft von Menschen, die sich um bestehende Probleme kümmern. Und nicht neue generieren.
Ja, es gibt sie allerorten. Politiker, Wissenschaftler und wir, die einfachen Menschen mit der Idee einer demokratisch gepolten Gesellschaft.
Die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika sind kein Volk von Hassern. Aber sie enthalten grosse und stets vorhandene Spuren von Ideologien des Hasses.
Und das ist die erschreckende Erkenntnis eines Historikers.
Die Demokratie ist kein sich selbst erhaltendes Experiment.
Arthur S. Siegel, Februar 1942. Library of Congress, FSA/OWI Collection, LC-USF34-fsa.8d13572».



