Unbeschwertfisch
Irgendjemand einer Abteilung der Evolutionstheorie hatte eine vage Idee im Sinn. Ein Fisch muss es sein. Ein schwimmendes und stichhaltiges Wesen, das die Subtropen liebt.
Das war die ungefähre Beschreibung, bevor die Konstruktion begann.
Noch vor der ersten Prototypzeichnung hatte der Fisch bereits eine Familie namens Xiphiidae, deren Namensgeber aus Griechenland stammte. Der Kerl ist ein echter Kosmopolit, der sich in allen Ozeanen zuhause fühlt. Aber nur, solange er - oder sie - gemässigte Wassertemperaturen von dreizehn Grad vorfindet. Im Durchschnitt. Falls die Temperatur versagt, dann sind beide weg. Genau solche und weitere Ansprüche haben der Meereskreatur diese Eigenschaft der Unbeschwertheit beschert. Wobei: unbeschwert ist das falsche Wort. Die Konstruktion ist beschwert. Und wie. Das lange schlanke Ding ist mit einem ausgewachsenen Schwert bestückt. Böse Zungen vermuteten, dass dieses lange Ding an der Spitze ein Vorläufer der Pinocchio-Nase gewesen sei. Das ist natürlich völliger Quatsch, denn Pinocchio hat damals noch gar nicht gelebt.
Das Departement für die Gattung Fisch in der Evolutions AG hat sich beim Schwertfisch einiges an Einfallsreichtum geleistet. Also allgemein betrachtet. Der Xiphiidae ist mit ein paar Tricks ausgestattet, die sogar James Bond vor Neid erblassen lassen würden. Wenn es um Raserei geht, dann liegt und schwimmt der Fisch des Schwertes ganz vorne. Im Kopf wurde eine Düse installiert, die ein öliges Sekret produziert, das über den ganzen Kopf verteilt wird. Ähnlich gestaltet, wie bei Al Pacino’s Kopf im Der Pate. Mit dem geölten Kopf wird der Widerstand der Strömung ausgetrickst. Ob dies bei Al Pacino auch funktioniert? Wir wissen es nicht.
Wie bei jeder Produktion wurde auch bei der Evolutions AG ein paar Mal gepfuscht. Irgendjemand vergass komplett, dass ein rasend schnelles Objekt auch mal bremsen sollte. Schon aus versicherungstechnischen Gründen. Nun, der Schwertfisch namens Xiphiidae hat diese Eigenschaft des Bremsweges nicht eingebaut. Warum? Der oder die Planer haben vergessen, dem ollen Fisch Brustflossen einzubauen. Zur Entlastung der Planer: Beim Startschuss für die Existenz des Schwertfisches gab es im Ozean kaum Widerstand. Weder Schiffe noch Netze hätten den rasenden Fisch stoppen können, weil es sie schlicht noch nicht gab.
Die ersten hölzernen Schiffe machten dann löcherige Erfahrungen mit den Rasenden der Weltmeere. So mancher Xiphiidae ist mit voller Wucht - mangels Bremsweg - in die Schiffswand gebrettert. Das Schwert hat dabei gute Arbeit geleistet und gleich ein Loch in den schwimmenden Eimer gebohrt.
Der Unbeschwertfisch wurde durch die schleichende Zivilisation eingefangen, reguliert und zum gewöhnlichen Schwertfisch degradiert. Damit war es mit dem freien, unbegrenzt rasenden Formel 1 Wesen des Ozeans vorbei, denn das Bremsen hat Xiphiidae noch immer nicht gelernt. Zudem warteten die Zivilisatoren mit hinterhältigen Vorrichtungen wie Angelruten mit Haken, grossflächige Fischernetze und mit Harpunen auf.
Die lange Geschichte der Familie Xiphiidae zeigt dennoch eine beachtliche Seitenzahl. Ausgebuddelte Fossilien - die meisten wirkten etwas versteinert - konnten intensiv untersucht werden. Und was haben die Forscher entdeckt? Der Prototyp des Xiphiidae hatte vor etwa 48 Millionen Jahren seinen Stapellauf.
Na, wenn das keine Leistung ist, was dann? Der Unbeschwertfisch hatte 47 Millionen und neunhunderttausend Jahre Zeit, durch das Wasser zu rasen. Erst dann hat sich die Evolutions AG entschlossen, dem Planeten eine Kombination zwischen Affe und Homo zuzumuten. Homo Sapiens hat gewonnen.
Davon wusste der Xiphiidae jedoch nichts, denn der war irgendwo im einem der Ozeane unbeschwert auf der Überholspur.
Was gibt’s heute zum Mittagessen? Ah, Fisch.



