Überdosis: Erregung
"Denn die Dosis machts.» Das stimmt für Rotwein, für Stille — und offenbar auch für Ideen. Es ist stets die Dosis, die jegliche Substanzen zum Genuss oder zur Gefahr werden lassen.
Die Überdosis war noch nie eine gute oder langfristige Idee.
Und genau in diesem Kreislauf der Dosierung stecke ich seit ein paar Monaten. Oh ja, völlig freiwillig natürlich. Denke ich zumindest. Die Sache hat - wie immer - völlig harmlos angefangen. Eines Tages fiel mir ein Satz vor die Füsse. Kurz. Unscheinbar. Und dann hörte ich auf zu atmen. Erst beim genaueren Hinsehen nach dem Abeppen der Schnappatmung entpuppten sich diese paar Wörter als Sesam-öffne-dich. In diesem kurzen Satz waren alle meine Leidenschaften für und mit dem Leben enthalten. Nun, fast alle. Der Satz hiess: «Wieso schreibt niemand über noch unbekannte Künstler?» Das war mein Startsignal. Üblicherweise lasse ich einer Idee etwas Zeit zum Aufwärmen — Synapsen sind empfindlich. Erst dann wird das Tempo langssam und wohldosiert gesteigert. So lautet immerhin der herzhafte Ratschlag meines Hausarztes.
Ignorieren ist in solchen Momenten mehr als willkommen. Ich bin auf einhundertachtzig mit Steigerungsmöglichkeiten.
Dann klopft das Kindheitstrauma kurz an. und meint: «Na, wie war das, als dir alle Erwachsenen den Traum vom Schriftsteller ausgeredet haben?»
Fürchterlich. Frustrierend. Deprimierend.
Natürlich war die Karrierefrage mit 15 nicht das Thema. Das Thema war: Wer darf ich sein? Der Punkt ist der Verlust an Leidenschaft und an der Lust für das Kreative. Wer will schon so werden, wie die Schule einen plant? Wohl kaum jemand, wenn sie oder er ehrlich ist. Doch weil die Schule systematisch organisiert ist, werden die unterschiedlichen Fähigkeiten zukünftigen Personals in die funktionale Norm verpackt. So wird eine Maschinerie draus.
Und die Kreativität hockt in der Ecke - in der rechten Ecke des Gehirns - und schmollt vor sich hin. Oder noch schlimmer: Sie traut sich nichts mehr zu.
Nun, ich habe mit dem Schreiben nie aufgehört. Im Gegenteil. Aber der süsse Traum von der Schreibmaschine, einen Stapel Papier mit meinen Geschichten hat sich in der Pubertät verabschiedet.
45 Jahre später stand ich vor dem Trümmerfeld: zwei Firmen weg, das Vermögen weg, das Selbstvertrauen — in den Taschen meines Geschäftspartners. Stille. Dann klopfte der Storyteller an die Hirnrinde.
Doch dann klopfte der Storyteller an die Hirnrinde und meinte: «Na, wollen wir’s endlich probieren?» Oh ja, und wie.
Das Bermudaviereck Allschil, Binningen, Bachletten und Neubad hatten ein City Magazin im Briefkasten. Gefüllt mit Stories von mir und anderen Storytellers. Ein Drama wurde zum Abenteuer.
Und jetzt im Jahr 2026 brenne ich. Mit Feuer, Flamme — und ja, mit echter Erregung. Meine Gedanken laufen nicht mehr im Kreis, sie sprinten durch eine Landschaft der Möglichkeiten, der Varianten, des Abwägens, der Kritik, des Verwerfens, aber niemals der Verwerflichkeit.
Die Lust am Gestalten ist niemals dosiert. Oder wenn, dann bitte die höchste erhältliche Dosis, bitte.
Mein Projekt heisst CANARTA. Meine Plattform auf 80 Seiten, jeden zweiten Monat, der Künstler:innen aller Sparten präsentiert. Die Person. Das Werk. Den Prozess.
Storytelling über Künstler aus der Malerei, der Musik, des Schauspiels, des Storytellings und der Photographie.
Ja, ich brenne. Und ich bin längst überdosiert. Passt mir gut.



