Tunnelblick
Die Berge in der Schweiz sind löchrig. Sie sind mit Löchern bestückt, weil die Schweizer Seele keine Umwege machen will. Nein, Helvetia wählt den direkten Weg durch die Wand.
So hat die Schweiz den Tunnel erfunden.
In den Schweizer Voralpen gibt es viele Wände, die den Weg in den Süden versperren. Doch das war früher mal, als das Bohren durch Felswände noch in keinem helvetischen Kopf bekannt war. Diese Situation hat sich drastisch und numerisch stark verändert. Immerhin haben die Schweizer mit Hilfe von gastlichen Arbeitern mehr als eintausend und zweihundert Röhren gebuddelt, gebohrt und zementiert. Wer in der Schweiz lebt, kann in über Tausend Röhren gucken, wenn er oder sie das mag.
Nehmen wir als Beispiel den Gotthard Basis-Tunnel, um einen Blick in die Geschichte der längsten Tunnelröhre der Welt zu werfen. Und dieser Wurf ist beeindruckend. Immerhin wussten die Ingenieure, was sie beim Anbohren des Gotthard Massiv erwartet. Massiv ist das perfekte Wort, schliesslich hängen fast 2500 Meter Gestein und drücken ohne Unterbruch auf alles, was darunter liegt oder röhrt. Wer sich in diesem Tunnel zu Fuss ein Bild machen will, wie die Röhre von innen aussieht, dem wird dringend abgeraten. Denn die Passagierzüge brettern mit bis zu 250 Kilometern pro Stunde durch die Dunkelheit des Tunnels. Nach zwanzig Minuten Raserei im Tunnel blickt der Passagier auf die Alpenwelt des Tessin.
Der Gotthardtunnel ist eine zweiteilige Meisterleistung, die nach 17 Jahren Bauzeit beendet war. Der Plan war ja, dass die Bohrmaschinen gleich von beiden Seiten - also im Norden wie im Süden - ihre kreisenden Sägen sich an den Wänden des Gotthard-Massivs ansetzen. Am 15. Oktober 2010 trafen sich die Nord- und die Südmannschaft der Arbeiter mitten im Berg, als der letzte Durchbruch staubig zusammenbrach. Und, wie weit entfernt waren die beiden Löcher? Nun, ganze satte acht Zentimeter hat eines der Teams das Zusammentreffen verfehlt. Welches Team das war gehört in die Geheimniskiste des Gotthardprojekts. Nein, die Arbeiter haben nicht nach Bauchgefühl gebohrt. Sonst hätten sie auch Archäologen oder Zahnarzt werden können. Die Ingenieure hatten Hilfe von oben in Anspruch genommen. Die Hilfe trägt die Abkürzung GPS, was so viel wie «Gottes Positions-System» bedeutet.
Ach, das heisst es nicht? Es heisst «Globales Positionsbestimmungssystem»?
Na dann.
In Erstfeld in Norden und in Bodio im Süden wurden beide Ziele zuerst aufeinander abgestimmt. Eine schwierige Situation, denn die Erstfelder sprechen eine Art Deutsch und die Bodioner meinen, sie sind der italienischen Sprache mächtig. Dennoch haben sie es hinbekommen, ein präzises Koordinatennetz über das gesamte Gotthardmassiv zu legen. So ein GPS System ist gut und brauchbar, solange der Empfänger nicht gerade in einem Bergstollen verschwindet. Ab dann kommt GPS nicht mal mehr funkenmässig daher. Da sprang der gute alte Laser mit seinem System ein und meldete allfällige Abweichungen sofort an die Fahrer der Bohrmaschinen.
Sissi und Heidi heissen die beiden gigantischen Bohrmaschinen, die den Tunnel durch den Berg erst möglich machten. Kurz vor dem Treffen mitten im Berg wurden Sissi und Heidi gestoppt. Mit einer kleinen Pilotbohrung wollten die Arbeiter nachsehen, ob auf der anderen Seite wirklich die Fortsetzung der Röhre war. Sie war es.
Der Gotthardtunnel und die anderen 1199 Tunnel in der kleinen Schweiz sorgten dafür, dass die Schweizer stolz auf ihren Tunnelblick sind. Immerhin mussten Leute und Fahrzeuge nicht erst über hohe Berge kraxeln, um einen Blick auf die andere Seite werfen zu können.
Wenn ich ehrlich sein soll: ich mag keine Tunnels. Als freiwillig agierender Klaustrophobiker mag ich es nicht, mich durch eine Röhre zu bewegen. Oftmals war mir auch bewusst, dass über dem Tunnel eine unermesslich schwere Masse an Felsen auf die Idee kommen könnten, den Tunnel zu zermalmen, während ich mich auf einen Espresso auf der Piazza in Lugano freue.
Der Tunnel sorgt für freien Blick.



