Tintengeruch, edles Papier, Zeit.
Die säuberlich von Hand geschriebenen Briefe waren im Grunde dem Kunstwerk zugeordnet.
Wenn sich jemand einen Text überlegt oder gar wild drauflos schreibt, dann soll der Inhalt erstmal optisch und dann inhaltlich eine gute Figur machen. Wer einen Fehler machte, begann von vorn. Das gehörte dazu — so selbstverständlich wie das Tintenfass. Schreibfehler waren ein Tabu — eine kleine tintige Katastrophe, die mit einem neuen Bogen gesühnt wurde.
Der Brief war ein Dokument mit Kraft und Macht. Wer den berühmten blauen Brief erhielt, war aus dem Häuschen. Mental und lokal. Manche Briefe waren grundsätzlich flatterhaft - nicht nur die Absender und Empfänger - denn sie flatterten fröhlich und manchmal parfümiert durch den schmalen Schlitz in eine andere Welt.
Jahrzehnte vor der elektronischen Revolution schrieb ich Briefe nach Toronto — Sehnsucht, Zeile für Zeile eingefaltet., um meiner Freundin Rosie den Tag zu versüssen. Der Postweg war beschwerlich. Die Briefe nahmen sich alle Zeit der Welt — und manchmal fragte man sich, ob sie überhaupt ankamen. Kaum war der Umschlag fein säuberlich frankiert und im gelben Kasten verschwunden, da wurde die Geduld arg gestresst.
Heute landen Briefe kaum noch im Briefkasten — und wenn, dann eher auf einem Regierungsschreibtisch in Ottawa. Doch hier und da landet ein wichtiger, aber geheimer Brief auf einem Regierungsschreibtisch in Ottawa.
Absender? Ein Imperium, das sich für unsterblich hält — und deshalb umso empfindlicher auf Ignoranz reagiert. Die Präsidenten Nummer 45 und 47 der USA haben im Mai den Brief nach Ottawa spediert. Ein wichtigtuendes “GEHEIM” war auf dem Umschlag gestempelt. Und was war drin? Mit freundlich verpackter Drohung erhielt die kanadische Regierung eine Einkaufsliste, wie Kanada seine Streitkräfte gefälligst aufzubauen habe. Alle Posten, militärisch ausgerichtet, trugen dasselbe Etikett: «Made in the U.S.A.» — eine Einkaufsliste als Außenpolitik.
Und was war die Reaktion in Ottawa? Schultern zucken, nicht unterschreiben und sich wieder ums Tagesgeschäft kümmern.
Die Reaktion aus dem Süden auf die demonstrierte Ignoranz von Ottawa kam postwendend. Ein seit 86 Jahren bestehendes gemeinsames Beratungsgremium wurde prompt und einseitig eingefroren. Anekdotisch wirkt diese Aktion, weil seit 2024 dieses Gremium überhaupt nicht mehr getagt hat.
Wer anderen Bedingungen diktiert, sollte zumindest noch am Tisch sitzen. Doch Kanada hat schon längst die Koffer gepackt und hat sich in der EU über eine Sicherheitspartnerschaft geeinigt.
Michail Gorbatschow wusste es: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Punkt.


