Wenn einer eine oder mehrere Reisen tut, dann kann der bestimmt was erzählen. Ja, kann ich. Und zwar nicht nur über das Reisen selbst - das ist je mehr oder weniger sich von einem Ort zum Nächsten zu bewegen. Aber das Ankommen und das sich zurecht finden, da wird die Sache eher spannend.
Vor mehr als zehn Jahren bin ich mit meinen ganzen Habseligkeiten in Kanada gelandet – ein Testlauf, nicht mehr, nicht weniger. Ich wusste ja nicht, ob ich mich heimisch fühlen würde, ob Kanada mich als ständig anwesenden Bewohner akzeptiert oder nicht.
Heute habe ich einige Antworten.
Ja, ich fühle mich daheim, zuhause und heimisch. Das Gefühl hat sich sofort nach dem Landen am Toronto Pearson Airport gemeldet. Und es ist auch geblieben.
Das heisst also, dass ich jetzt vollamtlicher Kanadier bin? Hmm, gute Frage, die ich so nicht stellen würde. Denn da sind zuviele Lücken in meiner Biografie, die wenig mit Kanada, aber mit meinem Schweizer Aufwachsen zu tun haben. Nun, das geht noch präziser: es hat mit meinen sechzig Jahren Leben und Streben in Basel zu tun. Dieser Teil meines Lebens ist höchst lebendig, denn Basel hat mich geprägt. Zum Bebbi mit einwandfreiem Baaseldytsch hat es nie ganz gereicht, aber das Grenzwärtige zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz steckt in meinen Genen. Basel ist eine flächenmässig begrenzte, aber im Bewusstsein offene Stadt. Ein Bebbi kennt keine Grenzen.
Was fehlt mir denn zum vollamtlichen Kanadier? Nun, da tauchen viele Dinge auf, die eine mögliche Distanz entstehen lassen. Ich spiele kein Hockey. Ich mag den Cesar Drink überhaupt nicht. Hingegen überraschen mich die kanadischen Menschen hier fast täglich. Kanadier lassen fast keine Gelegenheit aus, sich auf ein kurzes Gespräch einzulassen, freundliche zu grüssen oder ein Kompliment loszuwerden. Einfach so, weil es sich kanadisch und freundschaftlich anfühlt.
Und ich kenne nur einen klitzekleinen Teil des zweitgrössten Landes der Erde. Doch was ich von Kanada einverleibt habe, ist etwas Handfesteres: die Offenheit der Menschen, die einen Fremden nach fünf Minuten wie einen Nachbarn behandeln. Und die Freundlichkeit mit Betonung auf «Freund» im Wort, was mich in meiner hippiesken Philosophie bis in die Fussnägel erfreut.
In diesen zehn Jahren von Abenteuer Kanada hat sich etwas entwickelt, das mich immer wieder verblüfft. Sobald ich den Begriff «We Canadians» lese oder höre, da ruft meine innere Stimme «Hier bin ich.» Und diese Reaktion fühlt sich warm und richtig an. Das heisst aber nicht, dass mein Interesse an Basel und der restlichen Schweiz verschwunden wäre. Das wäre ja völlig ignorant. Doch dieses warme Gefühl von «ich bin angekommen» ist es, das mich Swiss-Canadian fühlen und leben lässt. Swiss steht für meine Herkunft und Prägung und Canadian steht für meine Heimat und Zukunft. Liest sich sehr einfach.
Und so lebt es sich auch.
Team Switzerland gibt es in mir immer noch.
Aber die Captain-Binde trägt inzwischen Team Canada.



