Nur eine gute Autostunde von meinem Wohnzimmer in Newmarket entfernt liegt ein Fleck Erde, der offiziell ‘Strange’ heisst – zu Deutsch etwa ‘Seltsam’. Nein, das ist weder ein Scherz, noch eine Fake-News-Schlagzeile, sondern ein echter, in Stein gemeisselter Eintrag auf der Landkarte der York Region in Ontario.
Die Geschichte begann überhaupt nicht seltsam, als 1841 ein gewisser William Wells einen General Store eröffnete. Er nannte die kleine Siedlung Williamstown. Woher er diesen Namen nam, das wissen die Götter. Oder auch nicht.
William träumte von einer richtigen Stadt, die den Namen Williamstown mit Stolz trägt. Doch die Geschichtsschreibung hatte anderes vor. Als 1853 die Eisenbahnlinie Toronto, Simcoe & Lake Huron durch das Nachbardorf Springhill (das heutige King City) statt durch Williamstown gebaut wurde, war dieser Traum endgültig ausgeträumt. Die Schienen entschieden, wer eine Stadt wurde und wer eine Fussnote blieb. Williamstown befand sich ganz klar auf der falschen Seite der Schienen.
Das Postamt von Williamstown schloss 1854 endgültig die Türen. Doch im Jahre 1880 kämpfte sich ein Arzt und Lokalpolitiker namens Frederick William Strange durch die Bürokratie und erreichte, dass wieder eine Poststelle eröffnet wurde. Aus Dankbarkeit — oder schlichter Bequemlichkeit, weil ein neuer Name eh her musste — nannten die Beamten die Siedlung kurzerhand nach ihm. So wurde aus einem gescheiterten Eisenbahn- und Städte-Traum ein Ort, der auf ewig ‘Strange, Ontario’ heissen sollte.
Wie strange ist das denn?
Wer war dieser Frederick Strange?
Nun, Mann mit vielen Hüten trifft es ganz gut. Sein Lebenslauf zeigt einen gebürtigen Engländer und studierter Mediziner, der von 1878 bis 1882 als Abgeordneter für York North im kanadischen Unterhaus sass. Später wurde er stellvertretender Generalarzt der Miliz. Sein Nachname erhielt der Mann aus reinem Zufall während seiner Geburt und das war nicht Programm. Die Nachwelt des Frederick Strange bekam ein Ortsschild geschenkt, das Online-Karten-Nutzer bis heute zum Schmunzeln bringt.
Im heutigen 21. Jahrhundert ist von der einstigen Ambition der Siedling Strange nicht mehr viel übrig. Ein paar Wohnhäuser, eine presbyterianische Kirche und zwei Friedhöfe erinnern still und geduldig an die Vergangenheit des Ortes.
Wer an der Siedlung durchfährt, sieht vor allem Ackerland und den flachen ‘Strange Till Plain’, eine geologische Formation aus der letzten Eiszeit – benannt, natürlich, nach dem Dorf, das schon lange keine Zukunft mehr hatte, aber einen unvergesslichen Namen behielt.
Geographie langweilig? Sag das mal Strange, Ontario.
Photo: Harrowsmith Magazine



