Stoff - süss und sauer.
Niemand kann ohne ihn. Keiner überlebt, ohne ihn. Er ist so selbstverständlich, dass man ihn erst bemerkt, wenn er fehlt. Der Stoff, aus dem die Räume sind. Und der merklich sauer wird.
Der Organismus tut sich nicht schwer, sich 24/7 daran zu erinnern: Einatmen. Ausatmen. Schliesslich hängen zwei ganze Lungenflügel und das fliessende Blut an dem Stoff, der vieles luftiger und möglich macht. Wer schon mal nach Luft geschnappt hat – im falschen Moment, am falschen Ort – der weiss, wie schnell der Sauerstoff vom Hintergrund zur Hauptfigur wird. Ja, manchmal riecht dieser selbe Stoff reichlich sauer, wenn er mit etlichen anderen übelriechenden Stoffen durchsetzt ist. Was riecht, muss nicht zwingend schlecht sein. Schlimmer sind die anderen eher dem Geheimdienst angehörenden Stoffe, die sich ebenfalls mit dem Sauerstoff in der luftigen Gegend tummeln, aber unsichtbar und nicht zu riechen sind. Damit wird der Sensor «Achtung gefährlich» aussen vor gelassen.
Dabei ist der Sauerstoff nur der Anfang: Immer öfter staune ich, wie der ganze Organismus ohne zu murren seinen Dienst tut. Er ist immer auf Draht, packt die Arbeit an und erledigt seinen Job. Im ganz normalen Fall eines gesunden Körpers läuft es genauso reibungs- und konfliktlos. In jungen Jahren macht sich selten ein junger Körper und Geist über die Komplexität des Organismus viele Gedanken. Er ist da. Alles läuft.
Doch wenn das Alter reift und der Körper hinterherhinkt, dann verschieben sich einige Dinge in eine andere Richtung. Aus dem berühmten Nichts werden bisher unbehelligte Körperteile etwas schmerzanfällig. Arthritis und Rheuma hatten bisher keine Rollen auf der Bühne des Lebens. Doch die Abnutzung fordert ihren Tribut und der Prozess des Alterns hat bis heute noch niemand gewonnen. Jedenfalls nicht offiziell. Doch die vielen Versuche, das Altern zu vermindern oder gar zu reversieren zeigen grosse Erfolge. Also für Schönheitschirurgen, Pillenanbieter und jene, die Weisheit in Kapseln à 29.95 abfüllen. Haben die Mittelchen geholfen? Oh ja, den Anbietern bestimmt. Die Verweigerung, das Altern zu akzeptieren hat immerhin einen Milliardenmarkt geschaffen.
Doch zurück zum Sauerstoff und seinen Einfluss auf Körper und oftmals den Geist. Bei jedem Besuch beim Arzt wird mir diese Klemme an den Finger angebracht. Ja, nur an einem Finger und lustigerweise selten am Mittelfinger. Dann taucht eine Zahl auf, die etwas schwankend daherkommt und sich bei mir zwischen 97 und 99 % einpendelt. Das sei der Anteil an Sauerstoff in meinem Blut. Moment — wenn fast hundert Prozent meines Blutes mit Sauerstoff gefüllt ist, wo bleibt dann das Blut? Eine Fangfrage. Ich hab mich selbst erwischt.
Der Sauerstoff nimmt sich die Freiheit, den roten Blutfarbstoff - Hämoglobin genannt - mit seiner Anwesenheit im hohen Prozentbereich anzureichern. Das ist alles. Je gesättigter, umso mehr bekommen die Zellen vom Sauerstoff ab. Und das soll den guten alten und jungen Zellen nur gut tun.
Wer hätte das gedacht: Dieser ewig sauertöpfische Stoff, kaum zu fassen und nie zu sehen, trägt das meiste.
Wenn der Stoff und das Leben auch mal sauer sind — wertvoll sind
beide allemal.



