Siruppig
Wenn das Süsse etwas bitter schmeckt, dann liegt etwas im Argen. Die süsse Welt des Ahornsirups — immerhin Kanadas klebriges Nationalwahrzeichen — kämpft gerade um ihre Hauptstadt.
Nicht Ottawa — dort wird nur regiert, was deutlich weniger klebrige Konsequenzen hat. Zwei Städte beanspruchen gleichzeitig denselben Titel — und keine denkt daran, nachzugeben.
Im Jahre 1993 hat die Stadt Plessisville in Québec den Titel “Capitale mondiale de l’érable» markenrechtlich schützen lassen. Übersetzt wäre dies die Hauptstadt des Maple Sirup. Soweit die papierene Wahrheit. Eine andere Stadt im selben Land hat das verbriefte Recht ignoriert und den Titel «Hauptstadt des Maple Sirup» für sich in Anspruch genommen. Die Stadt heisst Mirabel — was neugierige Gaumen an Mirabellen erinnert, aber das ist eine andere Sirup-Geschichte. Beim Lesen dieser skurrilen Meldung klingelte mein Gedächtnis. Da war doch was — eine ähnliche Geschichte, nur mit Käse und in der Schweiz.
Ach ja, der Streit um den echten Alpenkäse mit dem sinnigen Titel «Sonnenhalde». Der altbekannte Käseproduzent nimmt sich Zeit, um den Käse reifen zu lassen, hat seit Generationen das Rezept und damit die Lizenz zum Käseherstellen. In derselben Region haben andere Produzenten von Käse modernere Methoden mit kürzeren Produktionszeiten für Käse eingeführt. Der Streit dreht sich um den Begriff «Sonnenhalder Käse», der für die Kunden mit Qualität von Reife und Würze verbunden wird. Ob die schnellere Methode dieselbe Würze ergibt — das ist die eigentliche Frage, die keiner laut stellt. Am Ende geht es um eine alte Frage: Was darf sich Tradition nennen, wenn die Zeit schneller wird als der Reifegrad? Der Streit reift weiter — wie der Käse. Und beide lassen sich Zeit.
Zurück zum Ahornsirup und des klebrigen Streits von Plessisville und Mirabel. Auch hier steht die eine Stadt - Plessiville - für die lange Tradition in der Maple Sirup Produktion. Jährlich veranstaltet die Stadt das Ahornsirup-Festival und bringt Tausende von Besuchern in die Region. In Mirabel hingegen werden modernere Methoden angewandt, um den Ahornbäumen ihren klebrigen Saft zu entziehen und daraus das kanadische Frühstück zu versüssen.
Nun, was steckt hinter dem Streit der Klebrigkeiten?
Es geht nur am Rande um das Schild am Stadteingang. Dahinter stehen Touristenströme, Festivalbudgets, Lizenzgebühren — der klebrige Stoff, aus dem Wirtschaftsinteressen sind.
Der Streit ist noch nicht beendet. Weder beim Käse in der Schweiz noch beim Ahornsirup in Kanada. Doch eines haben beide Seiten unfreiwillig erreicht: Man spricht über sie. Über den Käse. Über den Sirup. Manchmal ist der lauteste Werbespot ein Streit
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