Sieh mal nach, was die tun!
Die Marke und die Realität driften manchmal stark. Und zwar auseinander. Kanada, meine hochgeschätzte neue Heimat, gilt als erklärte und reale Friedensnation.
Kanadier waren in beiden Weltkriegen in Europa mit Truppen beteiligt. Die Niederlande senden als Dank für deren Befreiung jedes Jahr zwanzigtausend Tulpen nach Kanada.
Die Marke «Friedensnation» für ein riesiges, offenes und diverses Kanada fasziniert mich seit fast fünfzig Jahren. Und als kanadischer Staatsbürger lebe ich unter eben diesem Friedensgedanken meines Heimatlandes. So weit so wunderbar.
Nun, diese Marke ist nicht mehr so leuchtend, so lupenrein, wie sie einmal war. Es knarrt im Gebälk, wie zwei Ereignisse deutlich zeigen. Während in Tel Aviv kanadische Staatsbürger mit Schlägen bedient werden, nachdem ihr Boot als Teil der Sumud Flotilla gekapert und die Aktivist:innen nach Israel entführt wurden. Das Konsulat von Kanada wurde informiert und Premierminister Carney kontaktiert. Resultat? Null. Zero.
Das ist ernüchtend.
In der Zwischenzeit kauft Kanada für 2,6 Milliarden Dollar ein amerikanisches Raketensystem, das im Iran-Krieg real und tödlich eingesetzt wird. Die Lieferung erfolgt 2029, die Entscheidung für den Kauf fiel im Januar — still und leise, während der US Präsident wieder mit der Drohung des 51. Bundesstaates jongliert.
Das Skurille an diesen Ereignissen ist erstaunlich. Und die Stille darüber in den Medien wirkt bedrohlich. Umfragen über den Iran Krieg zeigen deutlich, dass eine Mehrheit der Kanadier den Krieg ablehnen. Aha, da zeigt sich der eine oder andere Funke einer Friedensnation wenigstens bei den Bürgern.
Zurück zu den inzwischen freigelassenen kanadischen Aktivisten.
Luiza Ravalli, eine Pflegefachfrau, war auf dem Weg nach Gaza mit Lebensmitteln, Babynahrung, Windeln, Medikamenten. In der Nacht wurde ihr Segelboot von schwer bewaffneten israelischen Soldaten geentert. Drei Schüsse über die Köpfe der Crew. Dann ein weiterer Schuss — der zwischen ihr und ihrer Kollegin landete, Zentimeter von ihren Körpern entfernt. Danach zerstörten die Soldaten systematisch alle Kommunikationsmittel des Bootes und programmierten den Autopiloten auf einen Kurs direkt in einen aufziehenden Sturm. Letzte Worte an die Aktivist:innen: “Das sind eure neuen Koordinaten. Wenn ihr den Kurs ändert, kommen wir zurück.» Nach zwölf Stunden wurden Boot und Besatzung von der NGO Open Arms — also von Spanien, nicht von Kanada.
Ehab Lotayef, Gründungsmitglied von Canadian Boat to Gaza, beschreibt die Verhaftung und den Transport auf ein israelisches Gefangenenschiff: Leibesvisitationen, Schläge, Stresspositionen. Man warf ihnen Wasser und Brot hin — “wie Hunden”. Fünfzig Menschen in einem Frachtcontainer von zwölf Metern. Kleidungsschichten wurden ihnen weggenommen und ins Meer geworfen. Lotayef selbst wurde in die Hand gestochen, als er einem anderen Gefangenen half. Er hustete während der Pressekonferenz in Ottawa. Seine Rippen und seine Brust schmerzen noch immer von den Schlägen.
Und während das alles geschah: Der israelische Nationalminister Ben-Gvir postete Videos der Misshandlungen, noch bevor die Deportierten in Israel angekommen waren. Die ganze Welt sah es. Kanada schwieg dazu.
Nein, gänzlich inaktiv war die kanadische Regierung dennoch nicht.
Aussenministerin Anand bestellte den israelischen Botschafter ein. Sie twitterte. Premier Carney sprach mit dem israelischen Präsidenten und nannte die Behandlung der Zivilisten “unannehmbar”.
Briefe der Familien — persönlich überbracht, per Post, per E-Mail — blieben unbeantwortet oder wurden mit Formelsätzen quittiert.
Ein Treffen zwischen den Aktivisten und der Regierung wäre eine positive und humanitäre Geste gewesen, wenn sie stattgefunden hätte.
Ehab Lotayef: “Wir hatten das Gefühl, von Kanada im Stich gelassen worden zu sein — noch vor allen anderen.»
Diese horrenden Geschichten sind gut dokumentiert und an der erwähnten Pressekonferenz präsentiert worden. Darüber hinwegsehen hilft nicht mehr.
Das eine ist Gleichgültigkeit gegenüber eigenen Bürgern. Das andere ist aktive Beteiligung an Krieg.
Ja, ich bin enttäuscht und etwas frustriert, dass der friedliche Teil meiner Heimat Kanada wegschmilzt.


