Sie Tapezieren sich.
Man nehme etwas Kleister, eine Rolle bedrucktem Papier und pappe es an die Wand. Fertig ist Filmkulisse des Versteckens. Ete Tapete.
Wer sich die Sache mit dem Versteckspiel nackter, hässlicher Wände zum versprechenden Bernsteinzimmer ausgedacht hat, dem gehört die Welt — zumindest deren Oberfläche. Raufastertapete war eine dieser traditionellen Angebote für die Mehrheit geschmackvoll eingerichteter Bürger der Mittelschicht. Sie ist diskret, etwas rauh und sie fastert nicht. Tapeten machen Hässlichkeiten akzeptabel oder gar liebenswert.
Tapezieren sieht aus wie einer der leichtesten Jobs der Welt. Sie messen den Raum aus, lassen die Auftraggeber ein Muster aussuchen und kleistern das Resultat an die Wände. Fertig.
Na na, nicht so schnell. Eine Tapete hat Muster, Symbole, Bilder und Illustrationen. Und sie ist in schmale Bahnen aufgeteilt. Genau da beginnt die Fingerfertigkeit und das Augenmass der Tapezierer:innen. Wie bekommen diese Kleistermeister es hin, dass beim Hinsehen des tapezierten Raums ein ganzflächiges und vierseitiges Gesamtbild entsteht? Kaum jemand sieht die einzelnen Bahnen. Die sind komplett ausser Sicht geraten, denn das Muster hat keine Unterbrechung, keine Verschiebung, das ein Gesamteindruck stören könnte.
Und die Atmosphäre des Raumes hat sich verändert. Zum Positiven — meistens.
Tapeten haben in anderen Bereichen des Lebens weitere Fähigkeiten, die es zu beleuchten lohnt. Tapete und ihr Cousin Teppich haben es faustdick hinter der Wand — oder unter den Dielen, je nachdem. Denn sie haben eine Nebentätigkeit in der Dunkelheit der Legalität geschaffen, um Ereignisse, Bilder und Realität verschwinden zu lassen. Wer sich eine Verfehlung leistet und dabei nicht ertappt werden will, der spricht erstmal mit der Tapete und allenfalls mit dem Teppich. Eine gut gewählte Tapete lässt Hässlichkeiten einfach verschwinden — aus den Augen, aus dem Sinn. Denselben Service bietet ein grossflächiger Teppich an, unter den man unerwünschte Dinge kehren kann. Das ist nämlich die Kehrseite des Teppichs.
Die Frage stellt sich nun, ob die Tapete oder der Teppich sich beide mitschuldig machten, weil sie ein Teil des Skandals sind? Also in der Situation, wenn die Tapete blättert und das Darunterliegende sichtbar wird. Oder wenn der Teppich neugierige Fahnder oder Presseleute stolpern lässt, weil viel zu viel Unlauteres unter ihm liegt?
Wahrscheinlich wird dies nie passieren, obwohl beide Handlanger oder wenigstens passiv Beteiligte eines Skandals sind.
Nein, die Epstein Files, die Parteispendenaffären, des Kaisers neue Kleider — sie liegen weder unter dem Teppich noch hinter der Tapete.
Die liegen offen, aber unbehelligt im gleissenden Sonnenlicht.
Brauchen wir keine Tapeten oder Teppiche mehr? Skandalöses Treiben, einfach zum Auslüften an die frische Luft gehängt — und niemand zuckt zusammen?
Ach du meine Güte.
Wo ist ein Teppichklopfer, wenn man einen dringend braucht
?



