Der Town Crier heisst in der Schweiz Stadtrufer. Oder Stadtschreier.
Der Job ist fast fünfhundert Jahre alt. Die Ausübenden sind etwas jünger.
Seltsam, dass es diesen Beruf überhaupt noch gibt — mitten im Zeitalter von Push-Nachrichten und Livestreams. Halten diese Leute noch immer ein Pergamentrolle hoch und lesen den Leuten die Leviten oder die aktuellen Gesetze des Königshauses vor, während das Publikum mit dem Handy filmt?
Es war einmal in Riverview, einer kleinen Gemeinde in New Brunswick. Dort hat sich eine junge Frau namens Summer Gallant vorgenommen, eine der wenigen Stadtrufer zu werden. Und zu konkurrieren. Denn - Achtung - es gibt ein offizielles Casting für amtliche Stadtrufer. Oder in Summers Fall, der Stadtruferin.
Im April traten über ein Dutzend Bewerber an, um den Ausrufer Gerry Forsythe zu ersetzen, der im vorigen Jahr verstarb. Summer Gallant gewann. Gegen ein Dutzend Männer, die alle länger übten als sie lebt.
Eine Frau ruft aus?
Wurde ja auch mal Zeit.
Summer Gallant hat in ihren erst fünfundzwanzig Jahren Lebenszeit schon einiges erlebt. Nach der Schule wurde sie zur Reisenden und arbeitet als Au-Pair in Neuseeland. Als sie wieder heimatlichen Boden betrat, zog es sie in die Welt des Theaters. Doch Theater allein füllte die Bühne nicht — sie wollte ihre Heimatstadt gleich mitspielen lassen.
Ihre Vorstellung guten Theaters war die Kombination von Schauspiel und Heimatstadt als Ziel ihrer Träume. Ihr erster Auftritt war die Vereidigung des neuen Gemeinderats im Juni.
Tote rufen länger
Der laute Beruf des Stadtrufers assoziiert die Tradition von rotem Mantel mit Goldbesatz, weissen Kniehosen und schwarzen Stiefeln. Auf dem Kopf sitzt korrekt der Dreispitz und in der Hand ist die Glocke, um die Leute auf sich aufmerksam zu machen. Dann der Ruf «Hört, hört»
Und was haben diese Ausrufenden damals alles verkündet? Eigentlich waren diese Träger des Ausrufers, was heute die Apps auf dem Handy tun. Neue Verordnungen und Gesetze werden vermeldet, die Markttage angekündigt und natürlich gehörten Werbeblöcke ebenfalls zum Programm des Stadtrufers.
Der Beruf ist eigentlich längst ausgestorben. Schliesslich gibt es etwas modernere Möglichkeiten, um sich zu informieren. Doch die Tradition wirkt dennoch nach.
Kanadische Städte haben die Tradition des Ausrufers beibehalten.
Hat Newmarket einen eigenen Stadtrufer? Nein. Aber die umliegenden Städte der Region York, also Markham, Aurora und East Gwillimbury haben einen bürgerlichen Schreier namens John Webster. Er ist der offizielle Stadtrufer. Natürlich berichtet dieser auch über regionale Veranstaltungen von Newmarket.
Die Schweiz kennt die Tradition des Stadtrufers nur zu gut. Der Nachtwächter, der Ausrufer oder der Dorfweibel und die Basler Tambouren haben durch die Nacht gerufen. Und Kanada hat sich diese Tradition über den Atlantik geholt.
Der aktuelle Konkurrent und Amtsinhaber für Summer Gallant heisst Chris Whyman in Kingston. Dieser übt das Amt seit 42 Jahren aus, ergo muss er nicht mehr üben. Doch jetzt bekommt es Chris mit einer Newcomerin zu tun, die ihm am Welt-Stadt-Rufer Turnier in England die Stirn und die Stimme bieten wird.
Die junge Frau ist wahrlich mutig. Und selbstsicher.
Was braucht die älteste Nachrichten-Technik der Menschheitsgeschichte, um sich als Stadtrufer zu beweisen? Nun, starke Lungen und klare Sprache helfen bestimmt. Ein überzeugendes und attraktives Kostüm und gesangliche Leistungen spielen im Wettbewerb ebenfalls eine Rolle.
Ein uralter Beruf des Rufers braucht keine Reichweite, aber sehr gute Lungen.



