Schubladen
«Aus den Augen, aus dem Sinn.» steht meistens auf der unteren Seite der Schubladen in kleiner Schrift geschrieben.
Die Erfinder des Schubladen hatten wohl genau dies im Sinn, als sie die Herausziehbaren und Zurückstossbaren erfanden.
Die mit Krimskrams - Ginggernillis auf Baseldeutsch - gefüllten nach oben offenen Gefässe namens Schubladen sind eine hilfreiche Erfindung. Der Charakter der Schublade ist grösstenteils liberal und völlig unparteiisch. Sie nimmt alles entgegen, lässt es dort drin behaglich liegen und reklamiert kaum, was ihr da alles zugemutet wird. Sie wird hin- und hergeschoben oder gezogen, aber sie lässt sich das ohne Weiteres gefallen.
Doch dann wird dieses eine Ding gesucht. Eine dringend benötigte Ersatzbatterie, ein Schlüssel oder ein Medikament.
«In der zweiten Schublade unten!» ertönt selbstsicher die Stimme aus dem Hintergrund. Beim Herausziehen quellt etwelcher Inhalt über die Wände der schubigen Lade, gibt aber keinen Blick auf das Gesuchte preis. Schubladen sind fies. Sie geben nie das her, wofür man sie öffnet — nur das, was man vor Monaten dort vergraben hat.
«Die Lösung steckt in der Schublade.»
Aha, da also steckt des Pudels Kern versteckt. Wer schon mal auf einer Erfindermesse unterwegs war, war bestimmt überrascht, wie kreativ Menschen im Erfinden von hilfreichen Dingen sind. Und dann verschwindet die Idee und das Projekt oder Produkt in einer dieser verdammten Schubladen. Und wird beim Vergessen vergammelt. Das Problem vieler hervorragender Erfindungen ist simpel: Sie funktionieren zu gut. Und was zu gut funktioniert, stört ein Geschäftsmodell, das vom Nachkaufen lebt.
Die Schublade klappte 1949 zu. Drin liegt seither eine Automarke, die es eigentlich nie geben durfte — und die trotzdem existiert. Der Tucker 48, getauft auf den Namen seines Erfinders Preston Tucker, hiess ursprünglich «Torpedo». Bis jemandem auffiel, dass Amerika 1946 genug von Torpedos hatte. Also: Tucker 48. Nüchterner Name. Alles andere an diesem Wagen war das Gegenteil von nüchtern.
Preston Tucker war Autodidakt, Promoter, Visionär — je nachdem, wen man fragte, auch Spinner. Er wollte das sicherste Auto Amerikas bauen. Das modernste gleich dazu. Sein Rezept: Sechszylinder-Boxermotor im Heck, luftgekühlt. Scheibenbremsen. Benzineinspritzung. Einzelradaufhängung an allen vier Rädern. Ein gepolstertes Armaturenbrett — damals so exotisch wie heute ein Fussmassagegerät im Handschuhfach. Sicherheitsgurte. Eine Windschutzscheibe, die bei einem Aufprall heraussprang, statt dem Fahrer ins Gesicht zu splittern. Und dann das Schmuckstück: ein drittes Scheinwerferauge in der Mitte der Schnauze — das «Cyclops Eye» —, das sich mit der Lenkung mitdrehte. Wohin du fährst, dorthin schaut es. Spitze: 120 Meilen pro Stunde. Vieles davon wurde bei General Motors erst Standard, als Tuckers Firma längst Staub war.
Nur 51 Exemplare rollten aus der Fabrik in Chicago. Tucker hatte Händlerlizenzen verkauft und Aktien ausgegeben, bevor ein fahrbarer Prototyp existierte. Ein Fehler? Ein Vergehen? Die SEC — Amerikas Börsenaufsicht — fand: ein Vergehen. Die Anklage lautete auf Aktienbetrug. Der Prozess wurde zum Spektakel, die Presse legte sich fest, bevor der Richter auch nur den Hammer hob. Vernichtend. Im Januar 1950 sprach die Jury Tucker in allen Punkten frei. Zu spät. Die Firma war bankrott, die Fabrik leer, der Traum — wie sagt man so schön — ausgeträumt.
Haben die Big Three — GM, Ford, Chrysler — gemeinsam mit Senator Homer Ferguson aus Michigan den unbequemen Neuling kaltgestellt? Bewiesen ist nichts. Aber die Indizien waren dicht genug, dass Francis Ford Coppola 1988 einen ganzen Film daraus drehte: Tucker: The Man and His Dream. Coppola kannte sich aus mit Männern, die gegen übermächtige Gegner antreten. Er hatte den Paten gedreht.
47 der 51 Tucker 48 existieren heute noch. Jeder einzelne ist sechsstellige Summen wert — manche siebenstellig. Museumsreif, fahrbereit und teurer als alles, was GM im selben Jahr vom Band liess.
Die Schublade ist also zu. Aber wer sie aufzieht, findet ein Auto, das besser war als seine Zeit. Und einen Mann, der zu früh recht hatte.
Diese Geschichte hängt mir aus einem Grund nach: Der Tucker war nicht nur attraktiv. Er war langlebig. Und Langlebigkeit ist Gift für ein Geschäftsmodell, das vom Ersatzteil lebt. Was lange lebt, schadet dem eigenen Umsatz.
Ähnliche Überlegungen drängen sich aus anderen Schubladen geradezu auf und in den Vordergrund. Die unzähligen Erfindungen, um die kostenlos verfügbare Energie aus Sonne, Wind und Wasser zu nutzen ist den Öl- und Gasfirmen ein erneuerbarer Dorn im Auge. Vor allem in dem Auge, das ständig auf die Umsatz- und Gewinnkurve schielt.
Immer wieder finde ich in Online Schubladen erstaunlich effiziente Erfindungen, um mit Sonne, Wind und Wasser Energie zu gewinnen. Wer meint, diese Lust auf umweltfreundliche Energiezufuhr sei erst durch die Klimaveränderung aktiv geworden, der liegt etwas daneben. Der Geist der Erfindungsschublade ist viel älter.
Sonne. 1839 — Der photovoltaische Effekt wurde von Edmond Becquerel im Labor seines Vaters entdeckt, dass Licht auf Elektroden mit Silberchlorid elektrischen Strom erzeugt. Das war die Geburtsstunde der Solartechnik.
1883 — Charles Fritts, USA baute das erste funktionierende Solarmodul aus Selen-Wafern — der Wirkungsgrad war unter 1%, bewies aber, dass es geht.
1954 — Chapin, Fuller & Pearson, Bell Labs, USA fanden den eigentlichen Durchbruch der Silizium-Solarzelle. Silizium statt Selen stand für 6% Wirkungsgrad und ist heute noch die Basis jeder handelsübliche Solarzelle.
1985 — University of New South Wales, Australien erreichte die 20%-Schwelle und Solarstrom wurde damit an sonnigen Standorten erstmals zur ernsten Konkurrenz mit fossiler Energie.
Wind. 7.–9. Jh. — Erste Windmühlen mühlten sich durch Sistan im damaligen Persien. Vertikalachsen-Räder mahlten Getreide und pumpten Wasser.
1831 — Michael Faraday, England bemerkte, dass Magnete in Kupferdrahtspulen Strom erzeugen und damit den elektrischen Generator möglich machten. Ohne diese Erfindung gäbe es keine Windturbine.
1887 — James Blyth, Schottland realisierte die rste stromerzeugene Windturbine. Er versorgte damit sein eigenes Cottage und die Nachbarn hielten ihn für verrückt.
1931 — Sowjetunion betrieb die erste Grossturbine mit 100 kW Leistung erstmals in industrieller Grössenordnung.
1978 — Vestas, Die Dänen installierten die erste kommerzielle Serienfertigung moderner Windturbinen und später in den 1980ern auch die ersten Wind-Offshore-Anlagen.
Wasser
Antike — Mesopotamien, Ägypten, China begannen das Wasser zu rädern. Wasserräder bewässern das Land mit mechanischer Kraft seit Jahrtausenden.
1878 — In Cragside, England wurde sechs Jahre vor der modernen Dampfturbine das erstes Wasserkraftwerk betrieben. Wasser war die erste erneuerbare Energie im grossen Stil.
1882 — Appleton, Wisconsin, USA versorgte eine Papierfabrik und zwei Wohnhäuser mit dem ersten kommerziellen Wasserkraftwerk .
1930er — Der Hoover Dam 1936, Grand Coulee 1942, USA machte die Wasserkraft zur dominierenden erneuerbaren Quelle. Bis heute liefert Hydropower ein Sechstel des globalen Stroms — mehr als alle anderen Erneuerbaren zusammen
Da fragt sich der geneigte Bürger natürlich sofort, ob diese Entwicklung für die aktuelle Bedrohung der Klimakatastrophe weiter ging? Natürlich tut sie das und wie.
Mit der Sonne können Perowskit-Silizium-Tandemzellen den grössten Sprung seit der Bell-Labs-Zelle von 1954 für sich beanspruchen. Zwei Materialschichten fangen ein breiteres Lichtspektrum ein. LONGi erreichte im April 2025 einen Laborwirkungsgrad von 34,85% (zertifiziert vom US National Renewable Energy Laboratory). Herkömmliche Siliziumzellen liegen bei «läppischen» 22%.
Oder Bifaziale Panels fangen Licht von beiden Seiten ein, ernten also auch reflektiertes Licht vom Boden. Photovoltaik kann direkt in Gebäuden als transparente Solarzellen in Fenstern und Fassaden integriert werden. Saule Technologies druckt ultradünne Solarfolien per Inkjet auf Jalousien und Gebäudehüllen. Zum Beispiel.
Die schwimmenden Offshore-Turbinen erschliessen Tiefwasser-Standorte, die mit festen Fundamenten nicht erreichbar sind. Die Kapazitätsfaktoren liegen über 50 % — das ist mehr, als mancher Ölkonzern seinen Aktionären ehrlich vorrechnet. Die ersten kommerziellen Projekte sind in der UK, den USA, in Südkorea und in Japan im Betrieb.
KI-Optimierung durch Googles DeepMind zeigt 20% Wertsteigerung bei Windparks durch die effiziente Steuerung der Rotorblätter.
Die Wellenenergie wird kommerziell — CorPower Ocean installierte in Portugal den C4, den ersten Wellenenergie-Konverter im kommerziellen Massstab. Der Nachfolger C5 soll 2026 als erstes netzgekoppeltes Produktionsprojekt ans Netz gehen.
Proteus Marine Renewables zeigte 2025, dass Gezeitenkraftwerke mehrjährige Zuverlässigkeit im Megawatt-Bereich erreichen.
Oh la la - die Schubladen sind teilweise entrümpelt und zeigen eben solche Erfindungen im realen Leben und Betrieb.
Können die Staaten dieses aussergewöhnlichen Planeten bitte mehr Schub laden?
1948 Tucker Torpedo, chassis #1051, at the 2025 Greenwich Concours d’Elegance. Painted Maroon (600) over Beige (940). This car was on the production line after Tucker closed down (the last car completed by Tucker is chassis #1050) and was only completed in the late 1980s, using the chassis from car #1054 and fibreglass doors.



