Gleiches Wort, andere Tür. Wer schlagfertig oder schlagbereit ist, wird rhetorisch oder gesetzlich verfolgt. Wer den Rahm oder die gegnerische Mannschaft schlägt, wird dick belohnt.
Meine Jugend war vom Schlag geprägt, damals in den Fünfziger und Sechziger Jahren. Das Schlagen von Kindern war grundsätzlich, aber oft auch grundlos in der Gesellschaft akzeptiert. Für die Erwachsenen eine bequeme Lösung, für die Kinder oftmals eine Tragödie. Nein, ich wurde nie von meinen Eltern geschlagen, obwohl sie mehrmals genau dies versuchten. In der Schule war die Situation radikal anders. Ich wurde und ich habe geschlagen. Und darauf bin ich bestimmt nicht stolz.
Irgendwann tauschte ich das physische Schlagen gegen die Rhetorik aus. Faust gegen Wort.
Der richtige Spruch hat oft besser und länger getroffen als der körperliche Schlagabtausch. Zudem haben mir schlagfertige Antworten so manche Schlägerei erspart.
Der Schlag an sich ist als Wort ungemein vielfältig. Und das alleine fand ich seit jeher faszinierend. Wie kann ein einziges kurzes Wort so viele Bedeutungen haben, die eine völlig andere Sichtweise zeigen?
Wer den Überschlag turnt, hofft auf eine Medaille. Wer ihn verpatzt, auf einen Arzt.
Wenn der Befreiungsschlag ins Spiel kommt, dann geht es ziemlich sicher kriegerisch zu und her. Aber der Schlag an sich verspricht gleich die Befreiung. Fragt sich nur, wovon man beim Schlagen befreit wird.
Ich mag den Handschlag. Der ist an sich ein unprüfbares Zeichen, dass man sich auf eine Regelung, einen Vertrag geeinigt hat. Im Geschäftsleben war dies in vergangenen Zeiten ein alltäglicher Vorgang. Die Hände besiegeln eine Einigung.
Falls der Schlag artig ist, dann ist ein Ereignis ziemlich plötzlich aufgetaucht und ohne Aufforderung eingetreten. Plötzlich und ohne Anklopfen hat sich die Situation schlagartig verändert. Punkt.
Ein Schlaganfall meldet sich selten vorher an. Er tritt ein und zeigt Folgen. Ein paar gute Freunde von mir haben dies leidvoll erfahren müssen.
Was blieb ihnen übrig? Sie mussten sich geschlagen geben. Und das ist bereits frustrierend, wenn eine Situation nicht mehr oder nur in kleinen Schritten zu korrigieren ist.
Kleines Trostpflaster ist der Herzschlag. Dieser kompakte Muskel in der Brust ist ein beruflicher Schläger der besten Art. Das Herz ist eines der zuverlässigsten und schlagbereitesten Organe, die der Körper im Portfolio hat. Ich staune manchmal, wie sich die Herzkammern täglich ohne Unterbruch dem konstanten Schlagen hingeben. Hundert Schläge pro Minute, siebzig Jahre lang, ohne Pause, ohne Gewerkschaft. Zudem hat sich das Herz eine zusätzliche Betätigung nebst der Schlägerei angenommen. Herzlichkeit. Herzenswunsch. Herzschmerz. Herz und Amor haben sich zusammengetan und nebenbei noch die Liebe erfunden. Pumpen allein war ihnen zu billig. Das reine Pumpen war dem Herzen wohl zu eintönig.
Ein Begriff erscheint mir noch immer etwas mysteriös. Die schlagende Verbindung. Diese wird meist in Universitäten und mit dem traditionellen Fechten zelebriert. Nein, das sind keine Jugendgangs, die sich einen Sport aus dem Schlagen von Minderheiten machen.
Es gibt Schläger, die ich seit jeher bewundere. Denn ich habe mich in diesem Schlagabtausch versucht und bin kläglich gescheitert: Der Schlagzeuger. Das sind die Männer und Frauen, die in jeder Band den Takt an- und vorgeben. Die diktieren das Tempo und gestalten das Fundament für jeden Song. Klar habe ich einen Favoriten dieser Berufsgattung: John Bonham. Der Mann hat nicht nur einfach getrommelt, sondern seine eigene Melodie, seine individuelle Linie geschaffen, um Jimmy Pages Gitarre zu unterstützen oder zu konkurrenzieren.
Ich schweife viel zu schlagartig ab.
Jetzt schaue ich mir die Schlagzeilen der Welt an. Bestimmt finde ich die eine oder andere Geschichte, in der ein Trickser jemandem ein Schnippchen schlägt. Aber vielleicht wurde auch die eine oder andere Brücke zum Gegner geschlagen. Eventuell wurden Waren und Meinungen umgeschlagen oder jemand hat den Gegner im Schach geschlagen.
Die Welt besteht aus Schlagen und Vorschlagen.
Und wir schlagen uns damit herum.
Hat die Welt einen Schlag, oder was?



