Wieso können die ihre Empörung per Knopfdruck einschalten und woher nehmen die ihre Selbstsicherheit, mit meist faktenlosen Meinungen zu glänzen?
Ich bin erstaunt und verblüfft. Aber sauer? Nein. Wieso soll ich meinem Magen und meinem Herzen unnötige Gefühlsmomente zumuten? Mich ärgert es kaum, wenn sich Freunde und Unbekannte zu Wort melden. Denn schliesslich haben wir Menschen diese an sich höchst erfreuliche Fähigkeit, uns per Sprache auszutauschen. Tauschen, nicht ersetzen. Also ist das Zuhören oder das Lesen von unterschiedlichen Meinungen eine erquickende Sache. Mit quickend ist nicht die Lesegeschwindigkeit gemeint. Beim Lesen oder Zuhören geht ein Teil meines Gehirns auf Reisen. Ein Reiseprüfer des Geistes macht sich an Teilen der Information hu schaffen. Oh ja, der darf das. Schliesslich wurde das Zuhören erfunden, damit der Geist beschäftigt ist und allenfalls etwas Neues lernt. Deshalb empfinde ich - meistens - das Zuhören als Belohnung, dass mich jemand an dessen Ideen, Gedanken und Visionen teilhaben lässt. Ich bin ein Teilhaber anderer Meinungen. Obwohl… manche Ideen mag ich weder daran teilhaben, noch sie mit anderen Menschen zu teilen. Das wäre mir enorm peinlich, denn ich mag Aussagen mit bitterem Beigeschmack überhaupt nicht. Zu bitter. Und zu sauer.
Wie, das Zuhören fällt mir schwer? Ja tut es. Manchmal. Meine Schwierigkeiten mit dem Hören sind nicht körperlich begründet, sondern liegen in der Information selbst. Ich weiss nicht, ob diese Hörprobleme an mir und meinem alternden Ego liegen, oder ob sich die Art der Kommunikation verändert hat. Mir erscheint die Rhetorik oftmals zu bockig, zu arrogant und zu fundamentiert, um dazwischen zu grätschen. Der Block der Meinung ist lückenlos zementiert und lässt keinen Spalt für zweifelnde Fragen offen. Ich bin immer misstrauisch, wenn auf meiner Meinung kein Gras mehr wachsen kann, obwohl ich dieses nicht mal rauchen will. Wie war das noch mit der zementierten Meinung? Seltsam und unwirklich. Ich meine oft, dass dieses oder jenes so ist, wie es in meinem Köpfchen generiert wurde. Das hiesse ja, dass mein Kopf schlauer ist, als… Nein, ist er nicht.
Das Zuhören musste ich erst wieder entdecken. Denn es gibt Leute, also solche wie mich, die sich gerne reden hören. Und das ist ja bereits eine seltsame Regung. Denn während ich rede und mir zuhöre, erfahre ich rein gar nichts Neues. Alle Informationen aus meinem Munde sind mir bereits bekannt. Erstaunlich, dass ich beim Reden nicht jedesmal einschlafe. Aber wenn ich nicht mir, sondern anderen Mündern und Köpfen zuhöre, dann wird die Sache spannend, weil da allenfalls Neues auf meine Ohren trifft. Da wird die Sache prickelnd.
Dann gibt es diese Gespräche im Ping-Pong Modus. Wenn Wörter und Sätze durch vibrierte Luft an diverse Ohren weitergeleitet werden und dadurch wieder neue Wortfetzen und ganze Sätze zurückkommen - das ist ein inspirierendes Tohuwabohu der Gedanken.
Ja, da Zuhören ist spassig und sorgt für manchen Kick und manches Klick im Kleinhirn.
Ich sammle Geschichten. Nicht aus Sammellust, sondern aus Leidenschaft an der Story selbst. Und wie es der Zufalls so wollte, bin ich nicht nur zum Storyteller, sondern auch zum Story-Generator geworden. Welch ein Glück. Für mich vor allem. Ob das Publikum, sprich die Leser:innen, das auch so sehen? Da bin ich überfragt.
Das Beste daran ist das Gute darin. Denn all diese Geschichten von Menschen und ihren Gedanken sind inspirierend, unterhaltend, schockierend, einfallsreich, liebevoll und meinungsbeladen. Und das macht mir soviel Freude, dass weder die Kirsche noch das Saure ihren Platz finden.
Ich bin nur ein Storyteller und -collector.
Nicht sauer, nicht süss – bloss neugierig.



