Den Begriff hat sich eine meiner Synapsen in die Handtasche gesteckt. Man weiss ja nie, ob man den Begriff wieder einmal braucht, war der Grundgedanke. Jetzt und heute ist dieser Moment. Und der Gedanke an sich. Rück-Bildung, dachte ich, ist das neue Fortschritts-Wort – und ich wollte wissen, wovon eigentlich.
In meiner frühesten Jugend standen unzählige Bände von «Meyers Lexikon» auf dem Büchergestell. Auf dem Buchrücken waren die Buchstaben abgebildet, mit denen Begriffe in diesen Anfangsbuchstaben klar und sachlich erklärt werden. Immer wieder schmökerte ich darin herum, ohne nach einem Wort zu suchen. Ich fühlte mich im Blätterwald der Worte. Oder im Wörtersee. Wie oft war ich erstaunt, welche Begriffe ich zum ersten Male las oder bekannte Worte, die ich falsch interpretiert hatte.
Die Urmutter und Übergrösse eines richtigen Lexikons war Enzyclopedia Britannica mit 32 dicken Bänden. Was in da nicht drin stand, existierte einfach nicht. Meinte ich zumindest.
Und eines Tages im Jahr 2001 kam Wikipedia um die elektronische Ecke. Die Geschäftsführung von Britannica lächelte über diesen «Versuch eines Lexikons” und produzierte entspannt ihre neuen Ausgaben für das kommende Jahr. Das taten sie immerhin seit 244 Jahren erfolgreich. Und Wikipedia räumte das Büchergestell um mindestens 32 Bände radikal ab. Kein mühsames Suchen nach dem richtigen Buch und aufgeregtes Blättern, um ein einziges Wort zu finden. Tastatur. Tippen. Finden. Lesen. Und erst noch völlig kostenlos. Wikipedia war das Gespenst, das durch jede Verlagsetage spukte – unsichtbar, bis das Regal plötzlich leer war.
Bequemes Nachschlagen und schlauer werden per Knopfdruck: So sehen moderne Zeiten aus.
Und was meinen die Synpasen zu dieser neuen Entwicklung des schnellen Nachschlagens? Der Google Effekt wurde geschaffen und von Wikipedia als Begriff übernommen. Ich schlug mal kurz nach, was Google Effekt bedeutet: «Wer weiss, dass sich etwas nachschlagen lässt, merkt es sich schlechter.» Merkst du was?
Wer früher durch eine unbekannte Stadt fuhr und sich zu männlich fühlte, um Eingeborene zu fragen, der litt unter dem GPS Effekt. Keine Karte und keine Ahnung, wie sich eine Adresse finden lässt, ist extrem bequem.
Moment, wir sind noch lange nicht bei der kompletten Rückbildung angekommen. Mit KI wird alles einfacher. Nur: einfacher heisst nicht automatisch wahrer. Wer KI benutzt und das Ergebnis kritiklos übernimmt, der fragt nicht mehr «Stimmt das?». Schliesslich hat sich eine intelligente Software die Mühe gemacht, alles Mögliche zu recherchieren und auf dem Silbertablett zu präsentieren.
Wozu soll ich mir dann noch selbst die Mühe machen, nach dem Wahrheitsgehalt zu fragen? Die Quellen der Information zu verlangen oder mich hinsetzen und über das Gelesene kritisch nachzudenken? Soviel Zeit habe ich nicht.
Das alleine ist bereits eine verfettende Art der Denkweise. Wobei, das «weise» in dem Begriff sich bald mal streichen lässt.
Was mich wirklich stört ist der Verzicht. Das fehlende Glied bei einer Kette von neu geschaffenen Gedanken. Wie kribbelnd ist es doch, wenn ich einen ersten schiefen Satz lese und dann merke «da stimmt was nicht». Ich nenne dies den Sherlock-Effekt. Oder besser die Columbo-Frage «Was ich noch fragen wollte.»
Oh ja, dieser Weg ist viel mühsamer und zäher, als alles an die KI zu delegieren. Da habe ich schlicht erstmal KI, also Kein Interesse.
Ich befürchte, dass mein hirniger Muskel beginnt, sich zu degenerieren, weil viel weniger zu tun bekommt. Der hockt da im Penthaus meines Gehirns und macht sich einen bequemen Tag. Und das Schlimmste: Mein Geist will sich nicht mehr durch Wissen aktiv halten.
Er delegiert und konsumiert.
Der olle Sokrates im alten Griechenland hatte bereits solche eher pessmistische Gedanken, als so viele Gedanken auf Papierrollen niedergeschrieben wurden. Er meinte, dass diese Schriften vergesslich machen würden. Man kann ja die entsprechende Rolle an Texten wieder hervorkramen und nachschauen. Teilweise hatte der alte schon sehr lange tote Sokrates recht damit. Die Bibliotheken sind dennoch ein Gewinn für die Menschheit und die Geister, die sie rufen. Bücher sind Werkzeuge für Wissen, Fantasien und Geschichten. Soweit so einfach. Bücher sind nicht für ihren Inhalt verantwortlich, sondern die Verfasser des Werkes.
Und wie lässt sich das vernachlässigte Denken beim Nachschlagen verhindern? Vor dem Schlagen zuerst Denken. Das mögen die Synapsen ganz besonders, damit sie sich nicht völlig als wertlos betrachten. Es ist eine Art Frühsport für den Geist, wenn ich mir überlege, wieso dieses und jenes so gestaltet ist, mit diesen Begriffen formuliert ist und was dahinter stecken könnte. Diese Momente sind wertvoller, als ich dachte. Ich mag es, wenn es im Hinterkopf wieder prickelt, weil ich vermeintlich auf eine Erklärung gestossen bin. Nun, oft werde ich beim Nachschlagen enttäuscht, weil ich schief danebenlag. Doch der Moment des vorherigen Denkens wird weder sauer noch überflüssig.
Ja, ich nutze KI täglich. Und zwar als Sparringpartner. Ich nehme meinen Gedanken und werfe ihn der KI zum Frass vor. Die sofort angelieferten Kommentare sind erstaunlich und oftmals widersprüchlich. Zum Spass und zum Lernen frage ich oft: «Bist du dir da sicher?»
Dann lese ich oft eine Erkärung mit Entschuldigung, weshalb die zuerst gelieferte Information «nicht ganz korrekt» war. Das ist die diplomatische Aussage der KI, um nicht als Depp dazustehen.
Denke ich zumindest.
Skepsis ist kein Charakterfehler. Sie ist der Muskel, den das Denken noch hat. Denn unsere Gehirne sind kein Einkaufskorb oder Lagerhalle. Nein, da soll fleissig und kreativ produziert und geprüft werden. Und natürlich der Konformität ein Schnippchen geschlagen werden.
Ich liebe den menschlichen Geist, weil er so überraschend und dennoch real ist. Meistens.
Ich trainiere mein Gehirn, aber auch die KI.
Das funktioniert bisher ziemlich gut. Beispiel?
Alle meine Fragen unterstehen ein paar Regeln, die ich in der KI Denkzentrale eingebaut habe. Wenn das Ergebnis keine Quellen hat, dann will ich das Ergebnis nicht sehen. Wenn die Fakten die verlangte 95% Barriere nicht erreichen - «vergiss es, KI.»
Die Produkte der KI Giganten haben diese eine Macke, sich Dinge auszudenken, also zu fabulieren, wenn man sie lässt. Und sie benehmen sich, als wären sie ein Freund oder Freundin. Menschlicher Ersatz? KI - Kein Interesse.
So, ich lasse jetzt meine KI mein Daily Briefing aus Aufgaben, News und Korrespondenz auf dem Bildschirm erscheinen.
Dann beginne ich nachzudenken.
So funktioniert eine sparringsche Partnerschaft.
Mein Kopf hat keine Wände. Rück-Bildung ist nicht notwendig.



