Rohe Eier
Rohe Eier kommen immer in Schale daher. Trotzdem wirken sie alles andere als elegant. Sie sind eliptische Gefässe für grösstenteils guten Inhalt.
Wobei - eigentlich sind sie die temporäre Heimat von einem künftigen Huhn oder einem Hahn. Nun, meistens kommt es gar nicht so weit. Sie werden vor dem Brüten in die Pfanne geschlagen oder zu heiss gekocht.
Eier sind verletzlich. Ergo empfindlich. Sie sind zwar in Schale, aber eben deshalb das Problem, wenn man auf ihnen spazieren geht.
Auf Eier zu treten ist zerknirschend.
Nein, das keineswegs die Schuld der Eier, dass sie dermassen empfindlich sind. Das hat die Evolution so eingerichtet, dass die Schale nicht viel Belastendes aushält. Kein Huhn der Welt hätte sich ausgemalt - Hühner malen selten - dass ihre Eier als Metapher in der Welt der Homo Sapiens herhalten würde. «Wie auf rohen Eiern gehen» hat sich in der Gesellschaft etabliert, um die Befindlichkeiten von Zuhörenden bildlich zu beschreiben.
Und dieser Satz wird nicht nur an Ostern zelebriert. Denn Empfindlichkeiten gelten das ganz Jahr über.
Kennst du das auch, wenn du vor dem Öffnen des Mundes oder dem Abschicken des Briefes überlegst, wie die Nachricht ankommen wird? Wie gross ist das Risiko, dass das eine oder andere Ei einen Riss in der seelischen Schale erleiden wird? Es gab und gibt immer wieder Momente, bei denen ich vorsichtig überlege, wie ich was sagen oder schreiben werde. Das gilt nur bei besonderen Gelegenheiten oder sehr empfindlich reagierenden Menschen. Und es ist meistens extrem mühsam, weil ich mich selbst dabei verbiegen soll. Wie soll ich meine Partnerin mitteilen, wenn mich etwas an ihrem Verhalten stört? Ich will mich nicht über die Köpfe von rohen Eiern hinweg unterhalten wollen.
Ach du grüne Neune, da wird das Kommunizieren ganz schön mühsam. Ich finde grundsätzlich positiv, dass vor dem Senden einer Nachricht einige Überlegungen vorausgehen. Als Kommunikations-Scouts sozusagen. Die wollen mit ihren feinen Antennen erkunden, wie die Nachricht landen wird. Im Gehirn und Verständnis des Gegenübers. So weit so vorsichtig. Ist dies nun reine Höflichkeit und Rücksicht? Oder gar Taktgefühl, wenn der Text auf lupenreine Aussage ohne mögliche Stacheln oder Sticheleien geprüft wird? Nein, es ist die Vorsicht aus Angst. Wenn ich auf jemanden Rücksicht nehme, dann entscheide ich mich, den Text entsprechend auszustatten. Wenn ich beim Schreiben auf Eierschalen wandere, dann ahbe ich keine Wahl.
Wieso das?
Nun, wenn das Gegenüber höchst empfindlich in der Kommunikation reagiert - aus welchen Gründen auch immer - dann ist der Austausch immer unberechenbar. Und die Kommunikation richtet sich nach den Befindlichkeiten der Empfänger. So trocknet die Rhetorik aus. Geschichten verdorren. Und am Ende redet keiner mehr — alle nicken nur noch.
Oh ja, ich bin sehr dafür, in jeglicher Kommunikation vorher zu überlegen, wie das Gesagte oder Geschriebene ankommen wird. Nicht nur aus Vorsicht. Immer wieder taucht hier das Bild des Kaisers ohne Kleider auf. Niemand traut sich, dem ollen Herrscher die Wahrheit zu sagen. Der könnte ja blamiert, beleidigt oder gar realitätsnäher reagieren. Oh Schreck. Da beginnt das hohe Gut des Austauschs von Informationen und Gedanken zu erodieren. Wenn das Filtern dermassen klinisch rein wird, dass der Inhalt nichtssagend ist, was sollen wir dann überhaupt noch kommunizieren?
Zensur ist kein römischer Gott.
Zensur ist verhinderte Rede- und Denkfreiheit.
Und wie sieht das Ganze in den sozialen Medien aus? Gelten diese Regeln der freien Rede ebenfalls?
Gegenfrage: Ja, wieso soll in den oft als asozial geltenden Medien die freie Rede ausgeschaltet oder zensiert werden? Dort treffen wir auf Kommentare der übelsten Sorte, die aber nicht das Resultat der freien Rede sind, sondern der mangelhaften Erziehung hassgetriebener Zeitgenossen. Oder programmierter, toxischer Bots.
Oh ja, ich bin besorgt um unser aller Austausch von Sätzen und Wörtern. Die Rhetorik ist eine Kunstform mit Variationen in allen nur denkbaren Möglichkeiten. Manipulatoren und Angstmacher stehen den Mutmachern gegenüber. Und wie bei allem: Es kommt auf den Menschen an — auf jeden einzelnen.
Bild behalten, aber mit einer Halbzeile verankern: «Worte sind Messer. Sie streichen die Butter oder stechen zu. Das Messer lässt sich nie zur Verantwortung ziehen.»
Wo war ich? Ach ja, bei den Eiern, den rohen. Die sind mir oftmals sympathisch, bevor ich sie für mein Rührei in die Pfanne haue. Für alle anderen Eigenschaften beim Anwenden der rohen Eier bin ich nicht zu haben.
Das Ei soll sich gefälligst vom freien Reden und Schreiben fernhalten.
Und dafür in der Pfanne schmoren.



