Pfandsammler von Vancouver
Sammeln von Pfand ist eine ehrenwerte Sache. Denn damit wird der Kreislauf für das berühmte Recycling am Laufen gehalten.
Menschen können sich mit dem monetären Pfand ein paar lebenswichtige Dinge kaufen. Doch wer die Pfandsammler in Aktion sieht, wird kaum den Begriff «ehrenwert» benutzen. Denn diese Menschen sind auf Pfand angewiesen, weil sie sonst nichts mehr haben.
Diese Menschen ohne Dach über dem Kopf und nur wenige Habseligkeiten in Plastiktaschen würden der öffentlich anwesenden Menschen lieber meiden. Natürlich ist es für die momentan Obdachlosen alles andere als angenehm, als Verlierer, Nutzlose und Marginalisierte angesehen zu werden.
In Vancouver hat sich die Situation dieser Menschen während der WM 2026 leicht verändert. Sie tragen jetzt offizielle WM-Westen und Recyclables. Plötzlich hat ihr tägliches Überlebensritual etwas Würde und einen Lohnzettel bekommen.
Während der WM zumindest.
Ist das nicht DIE amerikanische oder kanadische Aufstiegsgeschichte vom Tellerwäscher zum Millionär? Finanziell gesehen: Nein. Aber die etwas andere Sicht dieser Menschen ist: Sie und ihre Arbeit wird nun anerkannt und geschätzt. Sie tragen nebst der offiziellen WM Weste auch Namensschilder. Und dies, obwohl sie genau dasselbe tun, wie gestern. Und bestimmt auch morgen nach dem Ende der WM 2026.
Ein Mann im bunten KIWI Kostüm näherte sich einem Abfallbehälter und will seine Bierdose entsorgen.
«Nicht da reinwerfen, Sir.» sagt Daikole Frazier lächelnd. «Ich bin ein Profi.»
Der Verein FIFA erwartet von der WM 2026 etwa 13 Milliarden Dollar an Einnahmen. Jeder verkaufte Hotdog-Standbesitzer wird einen Teil des Gewinns nach Zürich schicken. Die Pfandflaschen hingegen werden achtlos weggeworfen. Sie aufzulesen und das Pfand einzufordern ist üblicherweise das Geschäftsmodell der Pfandsammler. Diese meist unsichtbar Anwesenden, die den Recycling-Zyklus am Laufen halten. Heute sind sie in Vancouver sichtbar. Und sie bekommen vielleicht ein herzliches «Thank you for your hard work.» zugerufen. Ein solch kurzer Satz macht diese Randständigen wieder zum Mitglied der Gesellschaft.
Morgen wahrscheinlich nicht mehr.
Sie sammeln nicht nur Pfandflaschen. Sie sammeln soziale Erfahrungen. Manche sind warm und herzlich, Manche sind ablehnend oder gehässig. Doch noch mehr ärgert es die Pfandsammler, wenn sie für die Gesellschaft unsichtbar sind.
Das schmerzt.



