Irgendwer und irgendwann hat jemand den kreislaufenden Gedanken befreit. Der Ausgebrochene stand plötzlich vor der Wahl, in welche Richtung er nun laufen könne. Die Erfindung nannte sich ursprünglich «Per Speck Tiefe». Also die Verlockung hing in einer völlig anderen Richtung und Distanz, als das vorher im Kreis möglich war. Aus ethisch-rhetorischen Gründen wurde der Begriff in «Perspektive» gestraft - ähem gestrafft.
Das Prinzip der Perspektive wirkt nach reiflicher Überlegung relativ und einfach. Verändere die Position und halte die Augen offen. Sitzt du am Tisch? Dann steh auf und stell dich auf denselbigen. Und, wie sieht die Sicht jetzt aus? Wenn ich mich meine Zähne wieder an einem aktiv-steinernen Problem auszubeissen versuchte, dann legte ich mich zur Abwechslung unter den Tisch und sah mir die Sache von unten an. Aha, so einfach ist es also, jedwelche Sache mit denselben Augen, aber mit anderer Sichtweise zu sehen? Ja.
Ich mag Perspektiven. Meistens. Manchmal nerven sie auch, wenn eine plausible und bereits willkommene Idee mit dem Wechsel der Position einige Probleme aufs Tapet bringt. Das ist nervig und etwas enttäuschend. Die Begeisterung für die Idee schmelzt dahin. Nun, das kann ja nicht die Schuld der Perspektive selbst sein. Im Gegenteil. Schliesslich verleitet sie zu dem berühmten Ausspruch: «So habe ich die Sache noch gar nicht betrachtet.» Na also. Die Perspektive schafft mehr Sicht und mehr Weise, als das je geplant war.
Nein, die Perspektive ist keine Lösung. Sie macht höchstens ein Problem und manchmal auch die Lösung sichtbar. Ein Kartenhaus sieht von vorne ziemlich stabil aus. Die Perspektive meint da nur: «Schau dir die Sache mal von der Seite aus an.» Die gute alte Perspektive hat noch eine Seite, die ich eher als positiv betrachte (nachdem ich die Perspektive änderte). Wenn sie in Aktion tritt, also die Sicht verändert, dann lässt sie wenig Spielraum für schnelle Urteile. Und das ist im Umgang mit anderen Menschen ein schöner Nebeneffekt. Das Denke in Schwarz-Weiss ist für die Perspektive viel zu langeweilig und einseitig. Sie mag das Bunte, den Wechsel und den etwas anderen Blick auf eine Sache. Oder mehrere.
Zudem ist eine solche Verspieltheit für die Gedanken ein befriedigendes Trainingsprogramm. Die Synapsen mögen es, vermute ich, wenn sie nicht im langweiligen «Alles klar-Modus» unterwegs sind, sondern ständig mit anderen Spielereien konfrontiert werden. Damit kennen sich Marketingleute und Erfinder gut aus. Ich erinnere mich an die Präsentation für die Ausbildung zum Werbetexter. Da meinte der vortragende Professor: «Auf der Ideen-Autobahn herrscht reger Verkehr. Einer der Ideen-Fahrer sieht eine kleine Ausfahrt und nimmt sie. Nach einiger Zeit kommt derselbe Fahrer mit einer völlig neuen Idee auf die Autobahn zurück.»
Die Geschichte geistert noch immer in meinem Kopf, wenn ich mich mit einer «echt tollen» Idee beschäftige.
Dann steige ich auf den Tisch oder lege mich darunter und spiele Ideen-Autobahn.



