Per Capita List
«Deine Eltern sind Kapitalisten!» schrie mir ein Mitschüler in der ersten Primarschule zu. Ich war geschockt. Und irritiert. Nein, nicht dass meine Eltern als Kapitalisten abgestempelt wurden.
Ich war geschockt und etwas konfus, weil ich das Wort «Kapitalist» nicht kannte.
Wobei, das Wort habe ich schon mal gehört, aber ich konnte damit kein Bild herstellen. Ich erzählte meinen Eltern natürlich sofort, welch schreckliche rhetorische Bedrohung ich in der Schule erleiden musste. Die Erklärung meiner Mutter war einfach: «Wir besitzen ein Haus und Leute meinen, wir seien reich.” Also Menschen, die Kapital, sprich Reichtum besitzen.
Aha.
Und was ist daran so falsch, dass der Ausruf «Deine Eltern sind Kapitalisten» wie eine Anklage klingt? Das Erlebnis von Nichtwissen und nebulöser Anklage liess mich nie richtig los. Es fühlte sich bedrohlich an, einer als negativ erscheinenden Gruppe zugeordnet zu werden.
Dagegen gab es nur ein Mittel, das zufälligerweise eines meiner liebsten Beschäftigungen ist: Bücher lesen. Oh la la — die Bibliothek tat ihr Übriges. Kapitalist suchte ich, und fand eine ganze Welt. Aus dem Suchen nach «was ist ein Kapitalist?» tauchten unterschiedlichste Wirtschaftsmodelle, konträre politische Ideologien und die Variationen von prosperierenden Gesellschaftsformen auf. Da habe ich aus kapitalistischem Versehen die Büchse der Pandora geöffnet. Wobei, das Bild ist schief. Ich las nicht nur über all das Böse und Übel oder die eingeschlossene Hoffnung in einer Büchse, sondern ich entdeckte eine Auslegeordnung von Möglichkeiten. Verwirrende und inspirierende Erfahrung, wenn die Auswahl unübersichtlich wird. Zurück zum Capita oder noch besser per Capita. Also zum pro Kopf einer Bevölkerung und wie deren Lebensweise wohl aussehen könnte. Die Bandbreite beim Gestalten einer Nation und deren Möglichkeiten ist gigantisch. Viele Köpfe begannen zu rauchen, während sie ansprechende Modelle für den Staat auszuloten versuchten. Von Diktatur über Demokratie, von Königreich über Sozialstaat, von Woodstock bis Silicon Valley — und keines davon fertig gedacht.
In meiner Lehre zum kaufmännischen Angestellten - nicht zum Kaufmann oder Unternehmer an sich - wurden mir die Methoden des Geschäftslebens eher bitter bewusst. In den Augen eines Sechzehnjährigen, der sich insgeheim für einen Hippie hielt, war das Geschäftsgebaren von Anfang an verdächtig. Ölverschmierte Lehrlinge in der Werkstatt wurden schlechter entlöhnt, als diejenigen in den sauberen und klimatisierten Büros. Warum? Das fragte ich eines Tages den Direktor der Kranfabrik, die für meine Ausbildung zuständig war. Der Mann sah mich amüsiert an und meinte: «Du hast recht, Christian. Ab sofort erhältst du denselben Lohn wie die Lehrlinge in der Werkstatt.»
Der Direktor machte sich nicht nur lustig. Er war listig. Und ich stand da: fünfzig Franken weniger im Monat, mit dem Mund offen.
Per Capita List.
Wenn ich schon dabei bin, plaudere ich weiterhin aus dem geschäftlichen Nähkästchen. Nach der Lehre wollte ich einen Vinylplatten-Laden eröffnen. Ich eröffnete die Idee meinen Eltern. Mutter war geschockt: «Jetzt willst du auch einer dieser miesen Geschäftsleute werden und die Leute bescheissen, Christian?»
«Ähem…nein, Mama.»
Diese kurze Konversation hat mir meine Karriere als Unternehmer unterschwellig immer geprägt. Geschäftsmann ja! Tricksen? Nein. Das hat mal mehr mal weniger geklappt. Aber der Gedanke an eine gerechtere Welt für Mensch, Tier und Mitwelt liess mich dennoch nie völlig los.
«Immer wieder Woodstock, verdammt.»
Und jetzt im spanisch anmutenden Alter eines Seniors wird der Gedanke des Weltverbesserns immer intensiver. Nicht die grosse weite Welt, sondern die kleine, überschaubare Welt meiner Freunde, meiner Nachbarn und meiner Familie - wie lässt sich die verbessern, ohne zum Besserwisser zu mutieren?
Rege Gespräche über Ideen, Visionen, Erfahrungen und das Leben an sich sind ein guter Anfang. Oder über Personen, Kapital und die Listigkeit des Lebens.
Per Capita List.



