Orientierung
Wieso soll ich mich geographisch nur im Orient auskennen? Der Rest der Welt scheint mir genauso interessant zu sein. Wobei, der Alte Orient ist wirklich alt. Extrem alt.
Immerhin hingen im Gebiet der Sahara, des heutigen Irak und der Türkei einige Neanderthaler herum. Dies ging aber nur solange gut, bis sich diese Homo Sapienser:innen überall auf der Welt breit machten. Ja, das ist Zig-Tausende von Jahren her. Das war der Orient von damals.
Wieso hat sich eben dieser Orient in das Wort Orientierung geschlichen? War das ein Flüchtigkeitsfehler oder ein Mangel an Fantasie, um ein Wort wie dieses zu bilden? Oh nein, die alten Lateiner hatten einen guten Grund, sich für das Wort oriens zu entscheiden, denn dieses zeigt auf den Osten, also den Ort der aufgehenden Sonne. Und damals war der Kompass nicht mal im Ansatz erfunden.
Die Homo Sapienserinnen mussten sich erstmal in der Welt orientieren und sich dann um Erfindungen kümmern.
Wie schwierig ist es eigentlich heute im verräucherten Jahr 2026, sich in den Turbulenzen der Welt zurecht zu finden? Ja, es ist schwierig, trotz GPS und Künstlicher Intelligenz.
Dies gilt vor allem für die männlichen Teilnehmer ... — sie orientieren sich nie. Warum? Nun, wir fragen nie, niemals nie nach dem Weg. Wir irren und odyssieren durch die Gegend, bis wir auf Land stossen. Wahrscheinlich hat die Herumirrerei zur Erfindung der Landkarte und des Kompass geführt.
Wieso soll sich der Mensch überhaupt orientieren? Es ist doch viel wichtiger, die Frage nach dem «Wer bin ich?» und weniger nach dem «Wo bin ich?» zu stellen. Beim Wo kann ich an einem Kiosk eine Postkarte kaufen.
Andererseits will der Mensch in seiner neugierigen Phase schon wissen, in welchem Teil des Lebens er sich befindet. Ich zum Beispiel bin auf der Schlussphase des Bogens, der meistens Lebenszyklus genannt wird. Soviel habe ich zumindest erfragen können. Aktueller denn je ist hingegen, wohin die Menschheit als Ganzes driften wird. Den Standpunkt der Orientierung zu finden wird täglich komplexer.
Ein Königreich für einen Kompass, wenn man mal einen braucht.
Beim morgendlichen Lesen der Tagesnachrichten erkenne ich vor allem eine Flut von Unzumutbarkeiten, die zur Normalität werden. Und das lässt mich in der Orientierung der Menschlichkeit ins Schlingern geraten. Bisherige Tabus werden zum Alltag.
Meldungen und Videos von gezielt erschossenen Kindern sind Teil des Frühstücks.
Und der aufkeimende Faschismus lässt nicht mal mehr den Kaffee bitter schmecken.
Woran lässt sich der Verlust an Orientierung erkenennen?
Wenn die universellen Menschenrechte keine Rolle mehr spielen. Zum Beispiel.
Für mich älteren Hippie dienten diese Menschenrechte als die Messlatte.
Eine Orientierung als Standard.
Bis vor kurzem.
Bis vor kurzem?
Oh nein, die Orientierung ist nicht vernebelt oder verschwunden. Es liegen nur ein paar Brocken Unverdauliches aus den Nachrichten im Weg, die eine Sicht auf das Wesentliche der Homo Sapiens Geschichte verdecken.
Ach du meine Güte, warum habe ich dieses Wort für meinen Morgensplitter gewählt? Ich hatte keine Ahnung, wohin dieser Begriff führen wird. Habe ich die Orientierung des Wortes verloren? Es scheint so.
Nein, stimmt nicht. Ich bin nur etwas überrascht, wie ein Wort zu einer Story führt, die ungeplant, spontan und oftmals irrelevant oder irreführend sein kann. Der Kopf samt seinem Blumenkohl muss sich auch zuerst mal orientieren können.
Und das kann dauern.
Ich orientiere mich wieder an den Nachrichten und den erwähnten Menschen darin, die an eben diesen universellen Menschenrechten festhalten und entsprechend handeln.
Diese Leute sind noch immer da. Neben den Schreihälsen aber kaum zu hören.
Doch sie sind da. Und es werden täglich mehr.
Diese Menschen sind mein hoffnungsvoller Kompass.



