Und sie hören viel — vor allem die Motoren der Tanker, die über ihnen ziehen.
Der Ozean war seit jeher mit Geräuschen und Lauten bestückt. Wasser ist nicht leise. Es donnert, rauscht, gischt und zischt, weil die Tropfen massenweise den Sound gestalten. Daran hat sich die Walgemeinde nicht nur gewöhnt, das war das Umfeld der schwimmenden Riesen.
Seit der Industrialisierung im grossen Stil haben die Wale neue Geräusche lernen müssen. Es waren vor allem lautere, intensivere Laute, die durch Wasserwelten donnerten und brummten.
Aktuell existieren nur noch 76 Wale in der genetisch ausgeprägten südlichen Orca-Gemeinschaft. Sie leben im Gebiet des südlichen Salischmeeres und der Strasse von Juan de Fuca. Diese Orca-Wale machten Anfang dieses Monats aus einem anderen Grund Schlagzeilen. Ein lokal ansässiger Orca wurde gesichtet, wie dieser ein totes Orca-Kalb von Vancouver Island durch das Wasser schob.
Das Kalb war ziemlich sicher nicht aus Altersgründen gestorben. Denke ich zumindest. Als hauptsächliche Nahrung auf dem Tisch war der Chinook-Lachs. Doch der ist kaum mehr zu finden, weil die Schadstoffe im Wasser das Ende der Lachse besiegelten. Das ist die eine Seite der bedrohlichen Medaille. Die andere reale Drohkulisse für die Orcas ist die sogenannte Unterwasser-Lärm, der unter anderem vom Schiffsverkehr oder industriellen Aktivitäten im Meer generiert wird.
«Der Klang im Wasser ist für die Orcas, was die Vision für uns bedeutet”, sagte Valeria Vergara, leitende Wal-Forscherin bei der Raincoast Conservation Foundation. Ein lauter Ozean beeinträchtigt ihre Fähigkeit zu kommunizieren und sich zu ernähren. Der Lärm war bereits vor drei Jahren viel zu laut.
Die Regierung von Premierminister Mark Carney beschleunigt eine Ausweitung des Roberts Bank-Terminals in der Nähe von Vancouver, um die vorgeschlagene Pacific Link-Ölpipeline unterzubringen. Und dieselbe Regierung vermutet, dass in den kommenden Jahrzehnten der Verkehr an grossen Schiffen voraussichtlich deutlich zunehmen wird. Und damit der Lärm für die Wale nicht mehr zu verdauen ist. Falls diese überhaupt noch etwas finden, um ihre Verdauung zu beschäftigen.
Mark Carney meinte letzte Woche, dass seine Regierung diese Auswirkungen abmildern will. Wie soll das gehen? Die Regierung schlägt einen Zwischenstandard vor, sprich eine Momentaufnahme des Lärmpegels zu messen, damit der kritische Lebensraum der gefährdeten Orcas im Süden das Niveau von 2023 nicht überschreitet.
Was heisst das konkret?
Es wurde gemessen und zwar in einer hydroakustischen Station im Boundary Pass auf den Golfinseln. Das Resultat zeigt einen Anstieg der durchschnittlichen Lärmmenge über den natürlichen Bedingungen von 3,4 Dezibel im Jahr 2017 auf 5,1 Dezibel im Jahr 2023. Das ist eine 50-prozentige Steigerung der Lärmmenge im Lebensraum der Wale. Die natürliche Ruhezeit der Wale wurde um mehr als die Hälfte gekürzt.
Wie wird der Lärmpegel unter Wasser überhaupt gemessen? Nun, selbst unter Wissenschaftlern ist die Messmethode umstritten. Es sei schwer, den Geräuschpegel in eine messbare Zahl zu pressen. Durch die Strömungen über den Schiffsverkehr mit unterschiedlichen Typen an Propellern lassen sich an einem Ort und einem Zeitpunkt keine verlässlichen Daten erfassen.
Nun, das hilft den Orcas nicht zwingend weiter, ihre Existenz auf dem Planeten zu sichern.
Als ersten Schritt für diese Aufgabe soll ein Überwachungssystems eingerichtet werden, das die Ausgangslage und deren Veränderungen im Laufe der Zeit bestimmen kann. An der Infrastruktur arbeiten Wissenschaftler des Bundes und die Vancouver Fraser Port Authority seit Jahren. Im Jahr 2014 hat die Hafenbehörde das Enhancing Cetacean Habitat and Observation (ECHO)-Programm installiert, das den Meereslärmpegel überwacht. Schiffe und ihre Kapitäne werden aufgefordert, in bestimmten Jahreszeiten und in den wichtigsten Fütterungsgebieten der Wale freiwillig langsamer zu fahren, um den Lärm zu reduzieren.
Freiwillig?
Ein Sprecher teilte dem kanadischen National Observer in einer E-Mail mit, dass über 37.000 Schiffspassagen seit 2017 die Aufforderung und die Richtlinien befolgt haben. Die Intensität des Unterwasserschall sei dadurch in diesen Gebieten um die Hälfte reduziert worden sein.
Es bleibt zu hoffen, dass die kleine Gemeinde der Orcas irgendwann bestätigen können, dass diese Massnahmen ihr Überleben ermöglicht haben.
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Orcas hoffentlich auch.



