Oh nein - nicht schon wieder.
Das Leben macht mehr als nur einen Pieps. Es piepst andauernd, als gäbe es morgen keinen Pieps mehr. Das Gerät, das alles können sollte, hat eine Fähigkeit perfektioniert: nerven.
Wer ständig piepst, dem glaubt man nicht. Oder noch schlimmer, man ignoriert das Piepsende einfach. Das Problem liegt nicht am Piepsen selbst, sondern an der angewachsenen Menge an Piepsern. Jedes Mucksen auf Instagram oder TikTok fühlt sich so wichtig, dass es sich sofort auf Millionen von Handys gleichzeitig bemerkbar macht. Pawlow hätte seine Freude: Der Pieps, der Griff — keine Sekunde Pause dazwischen. Jede freie Hand greift nach der schlauen Extremität der eigenen Hand und guckt nach, welche Nachricht hinter dem Pieps steht.
Smart oder nicht. Es nervt.
Das kanadische Wetterwarnsystem gehört ebenfalls in die Riege der Piepsenden, wenn sie vor akuten Ereignissen des Wetters warnen wollen.
Da droht eine Feuersbrunst in der Nachbarschaft.
Pieps.
Ein Gewittersturm mit Hagel kann das Aussehen von Haus und Auto verändern.
Pieps.
Das Piepsen mit Folgen hat denselben Sound, wie das Piepsen mit banalem Inhalt.
Kanada hat erkannt, dass ihr wichtiges Wetter-Warnsystem in die Abstellkammer des Bewusstseins geschoben wird. Wer zu oft warnt, wird zur Tapete. Ergo werden die piepsenden Warnungen vom Publikum in den rauchigen Wind geschlagen.
Und was bewirkt die Erkenntnis der Spezialisten?
Ganz einfach: Die Warnungen werden nun personalisiert und lokalisiert.
Environment Canada hat diese Woche ein neues, gezielteres Warnsystem spezielle für Gewitter und Tornados eingeführt. Um die «Alert Fatigue», also die Warnmüdigkeit, auszuhebeln, werden Kanadier:innen weniger Wetterwarnungen auf ihrem Handy zu sehen bekommen. Die Warnungen werden auf die lokale Ebene und den dort lebenden Menschen zugeschickt. Damit sollen die direkt Betroffenen und nicht die gesamte Bevölkerung in Kanada gewarnt werden.
Die Meteorologen ziehen nun eine Linie, eine sogenannte Perimeterlinie um das voraussichtlich betroffene Gebiet. Die Warnungen machen sich dann auf den «pieps lokal» Weg zu den Handys. Das restliche Mobilfunknetz erfährt davon keinen einzigen Pieps.
Das neue System greift allerdings nur bei Gewitter und Tornados. Der Rest bleibt Massenware. Hitze, Hagel, alles andere — landet weiterhin auf jedem Handy in Kanada, ungefiltert.
British Columbia, mitten in den Bränden: Evakuierte suchten nach Informationen über ihr Haus, ihre Stadt.
Ist mein Haus verschont worden, gibt es meine Stadt noch?
Bei den offiziellen Stellen der Regierung wurden die Menschen nicht fündig, ergo durchsuchten viele die sozialen Medien. Und siehe da, dort wurden manche Bewohner fündig.
Dieselbe Regierung, die vor Falschinformationen in sozialen Medien warnt, lieferte selbst: nichts.
Jedes Ding hat mindestens zwei Seiten. Mit oder ohne Pieps.



