Offen Heit
Offenheit hat einen schlechten Ruf. Das war mir lange nicht klar. Wer die Offenheit zelebriert und wer sie bekämpft erhitzen sich für gegensätzliche Perspektiven.
«Wer offen ist, ist nicht ganz dicht!» war irgendwann vor grauer Vorzeit ein Strassenslogan. Ein Satz mit so viel Logik und Vieldeutigkeit machte mich neugierig. Was soll ich unter der Offenheit verstehen? Und woher kommt der leicht abwertende Unterton bei diesem Wort?
Kinder haben kein Konzept von ‘zu neugierig’. Die Frischlinge auf dem Planeten Erde sind meistens Forscher in voller Aktion. Sie wollen ihr noch kleines Gehirn mit Erfahrung und Wissen füllen. Sie sind schlicht neugierige kleine Wesen mit relativ wenig Erfahrung von Gefahrenquellen. Ich erinnere mich noch gut, als ich mit Stricknadeln die Steckdose auf der Suche nach Sinn und Zweck dieses Dings untersuchen wollte. Ergo: offene Entdeckungsfreude kann schmerzhaft sein.
Kinder wissen meistens nicht, dass sie extrem sind. Diese Extremisten sind neugierig in Sachen Kreativität unterwegs. Kein Kind fragt, ob es als Künstler oder einfach nur als Kind mit Crayons, Filzstiften an Wänden experimentieren soll. Kinder tun es einfach, weil es Freude macht und für Abwechslung sorgt.
Nun, wie sieht die Umkehr oder Abkehr von offener Kreativität aus? Oder anders gefragt: wie lebt es sich als Kind, wenn Offenheit in der Familie eher verpönt ist. Dann lernt das Kind still zu sein. Ordentlich. Unauffällig. Und auf welcher Strecke bleibt die kreative Ader, der Wissensdurst und die Freude am Experimentieren?
Als noch sehr kleines Kind war ich - wie die meisten Altersgenossen - nicht ganz dicht. Ich war ein Windelkind. Aber ich fand die Situatione nicht peinlich oder schlimm. Im Gegenteil. Es war ein exzellenter Service, wenn ich nach dem Einnässen von den eklig-nassen-und-kalten Tüchern befreit wurde, gebadet und gepudert wurde und dann neue Windel zum Füllen erhielt. Welch ein Roomservice so ein Baby bekommt!
Dennoch war ich nach einer Zeit der Routine etwas gelangweilt und genervt, wenn das Prozedere durchgeführt wurde. Ich wollte Änderungen sehen. Und die kamen bald in Form eines Topfes, den ich gefälligst selbst füllen sollte. Still hinsetzen, warten und warten und warten, bis die Beinchen eingeschlafen sind. Doch wenn der Napfbesuch dann doch erfolgreich war, dann erhielt ich szenischen Applaus.
Ja, der Topf war oben offen.
Tennagerjahre sind eine tolle und vor allem gerechte Zeit. Als Pubertierender nervte ich gleich alle um mich herum. Mich inklusive. Alles Bisherige war im Fragemodus gelandet.
Warum dies? Warum das? Warum ich?
Klar wurden mir Fragen von Eltern, Lehrern, aber vor allem von Mitschülern beantwortet. Was ist Sex? Wenn ja, warum und wie?
Was ist ein Alkoholiker und warum?
Sind wir Kapitalisten, und was ist das?
Die Fragen häuften sich und revolutionierten das Bewusstsein. Irgendwann und ziemlich rasch fokussierten sich meine Fragen auf die Welt der Erwachsenen. Ich sah sie nicht mehr als Ratgeber und Allwissende, sondern eher als die ewigen Klugscheisserchen und Hobby-Dominanten.
Pubertät zeichnete sich vor allem in der Offenheit für Streit, Diskussionen, Widerstand und gehässige Rhetorik aus.
Doch dann landete das Leben eines Erwachsenen und machte mein Leben etwas kurioser. Die verlangte Fügsamkeit in der Berufswelt war mir suspekt. Bis heute. Denn wer sich fügt, verändert nichts. Es könnte ja sein, dass irgendein Gedanke im offenen Geist eines Erwachsenen eine exzellente oder zumindest überlegenswerte Idee hat. In der Lehre wusste ich ziemlich rasch, dass ich für den Status eines Mitarbeiters völlig ungeeignet war. Zuviele Regeln. «das haben wir schon immer so gemacht» und vor allem die schleichende Langeweile in der täglichen Arbeit verdarben mir den Mitarbeiter-Status als erstrebenswertes Ziel.
Unternehmertum, was sie wollen.
Das war mein Credo. Denn ich wollte meinen Geist ausreizen, so weit es möglich war. War mein Geist offen genug, um einen eigenen Betrieb aufzuziehen? Der meinte lapidar: «Zeit zum Experimentieren, mein Freund!»
Ich mag meinen offenen Geist, der ohne Filter drauflos plappert.
Der beste Augenöffner für offene Lebensweisen war eindeutig das Hippie-Zeitalter in den späten Sechzigern und frühreifen Siebzigern. Es war nicht nur die Beat- und Rock-Musik, die man kaum im Radio zu hören bekam. Das Ungewohnte und das Offensichtliche in langen Haaren, Jeans-Uniform und die Gelassenheit gegenüber den Traditionellen und Konservativen, das mich reizte.
Sechzig Jahre später? Der Reiz ist noch immer da. Das Misstrauen gegenüber dem Konservierten ebenfalls. Und der Reiz von Gemeinschaften erscheint mir noch attraktiver.
Und wann war die Zeit reifer als heute, uns mit dem Unkonventionellen mit offenem Geist und Willen zu beschäftigen? Herausforderungen dazu schreien uns täglich entgegen: «Tu was. Versuch was.»
Ich sehe, höre und lese täglich von den Offenheits-Betroffenen dieser Welt. Sie kommen mit neuen Konzepten, vielversprechenden Experimenten und vor allem sofort umsetzbaren Ideen um die Ecke, um diese Welt wieder ins Lot zu bringen.
Noch.
Ihr Lebensweisen dieser Welt: vereinigt euch!



