Nerv Öse
Die Premiere ist für die meisten Menschen eine nervaufreibende sprich nervöse Angelegenheit. Das erste Mal etwas durchzuziehen - ein Theaterstück, ein Konzert, eine Lesung oder ein Interview -
- die Nerven flattern immer. Auch bei Windstille.
In Basel war dies Teil meiner Arbeit. Für mein Neubadmagazin führte ich Gespräche, die man gemeinhin als Interview bezeichnet. Menschen mit interessanter Geschichte sassen mir gegenüber und sollten meine Fragen beantworten. Glücklicherweise haben die meisten Interviewten gerne und ausgiebig geplaudert. Über ein Projekt, über ihr Leben, ihre Visionen und ihre Träume. Genau das: der Rohstoff. Unbehauen, manchmal widerspenstig.
Das waren stets aussergewöhnliche Situationen: jemandem zuzuhören und aus dem Gespräch den roten Faden, das Überraschende herauszuhören. Ich erinnere mich an mein allererstes Interview, als ich dem Drogisten Geni Meyer gegenübersass. Ich merkte mir jedes Wort, jedes Komma auf, um ja nichts zu vergessen oder zu übersehen. Und das, während ich das Gespräch mitschnitt. Das Schreiben der Geschichte war entsprechend mühsam. «Too much information» — der Text staut sich hinter den Fakten, kommt nicht vom Fleck.
Beim nächsten Gespräch schrieb ich gar nichts mehr mit. Ich lehnte mich zurück und lauschte, stellte entspannt die eine oder andere Frage und beobachtete. Und siehe da, die Story entstand aus einem Bild, nicht nur aus den gesammelten Informationen. Der Mann gestikulierte beim Erzählen, um seine Geschichte zu untermalen. Seine Hände erzählten mit. Lauter als die Worte.
Mit diesen Erfahrungen im Rücken — kein Problem, oder? Falsch. Dieses erste Interview für mein CANARTA Projekt war die Premiere für das Buch, für canarta.net. Jetzt oder Nie. Alles oder Nichts. Die Gedanken kreisten, bevor ich Bob traf., bevor ich Bob zum Gespräch traf.
Canarta — mein Projekt für die Kreativen Kanadas, die noch keine Bühne haben. Das nur kurz. Zurück zu Bob.
Bob war die Premiere.
Kamera läuft. Ton auch. Action!
Kaum machte sich Bob daran, meine erste Frage zu beantworten, da hörte ich dieses leichte Klicken im Kopf. Meine Nerven legten sich lauernd hin und lauschten ebenfalls. Bob erzählte ehrlich, ausführlich und leidenschaftlich über seine Malerei, seine Zweifel, seine Visionen und Wünsche. Das Klicken im Kopf wurde stärker und ich wurde ruhiger. Niemals hätte ich das Gespräch so prickelnd erwartet.
Ein Maler, der einige Farben nicht erkennen kann. Und trotzdem weiter macht.
Der Rausch des Moments dauert an. Ich verliess den Schauplatz der Geschichte mit einem breiten Lächeln. Bobs Geschichte hatte sich geformt. Der Mensch, der Maler, der Zweifel — alles drin.
Ein paar Bilder lassen mich nicht los. Noch nicht.
Canarta hat seinen ersten Auftritt des Interviews hinter sich. Und ich weiss jetzt: Das hier ist erst der Anfang.
Nein, die Story kannst du noch lange Zeit nicht öffentlich lesen. Diese wird am 1. Dezember 2027 im Annual Book of CANARTA mit Geschichten weiterer kanadischer Künstler aus Musik, Malerei, Storytelling, Schauspiel und Fotografie erhältlich sein.
Jede Kunst verdient eine Story.


