Das durchwegs ältere Publikum im New Roads Performing Arts Centre erlebte an der Maple Blues Revue diese Überdosis an Goose Bumps. Für Nicht-Kanadier: Gänsehaut.
Die Maple Blues Revue war mir gänzlich unbekannt, als mir ein Freund zwei Tickets schenkte. Ich mag es, wenn ich an einer Veranstaltung im Publikum sitze und wenig bis keine Ahnung habe, was da auf mich zukommen wird. Das Theater war proppenvoll und das Publikum schien mehr über den Abend zu wissen. Das zumindest schienen die erwartungsvoll ausgestatteten Gesichter zu zeigen.
Dann zeigten mir die Musiker, was unter einer Revue über den Maple Blues zu verstehen ist: Acht Musiker und eine Musikerin liessen ihr Talent machtvoll durch den Saal pulsieren. Der Puls war bis in die Haarspitzen gespickt mit Spielfreude und pure Lust am Blues und seinen Geschichten. Die Maple Blues Band existiert seit 1999 und zelebriert ihr Können mit einem Bläserset der Extraklasse. Doch das Verwunderliche war das völlige Fehlen an Gesang. Blues ohne Story und ohne Stimme? Wie soll das denn gehen? Gary Kendall, seines Zeichens Bandleader und seit sechzig Jahren Bassist, liess es sich nicht nehmen, seine Stimme als exzellenter Erzähler zwischen den Songs zu nutzen. Die Stories erzählten von lebenden oder bereits verstorbenen Musiker:innen und ihren Leistungen in der kanadischen Musikszene. Vor allem die pikant gewürzten schrägen Stories kamen besonders gut an. Bei mir jedenfalls.
Ganz stimmenlos blieb der Abend aber nicht lange. Bald erklärte sich der Begriff «Revue» von selbst, als Gary die erste Gastsängerin ankündigte: Suzie Vinnick, die Stimmgewaltige aus Saskatoon. Wer dreimal für den Juno Award nominiert wurde, zwölf Maple Blues Awards einheimste und zwei Canadian Folk Music Awards im Büchergestell stehen hat, kann niemals enttäuschen. Suzie lebt heute in der Niagara Region und liess es sich nicht nehmen, für zwei Songs nach Newmarket zu reisen.
Die Goose Bumps haben sich beim erst Ton ihrer Stimme mit voller Wucht über mich hergemacht.
Immer wieder betrachtete ich mit grossem Vergnügen die vier Menschen an des Bläsersets. Mich reizt jede Band, die mit Saxophon, Posaune und Trompete ausgestattet ist. Und immer wieder frage ich mich, den musikalisch völlig Untalentierten, wieso Trompeter und Posaune stets den Ton treffen. Saxophone haben immerhin verschiedene Knöpfe, die man für die korrekte Anwendung drücken kann. Was haben Posaune und Trompte zu bieten? Stufenlose Verwendung mit Talent und Musikgehör.
Vier Namen, vier Geschichten, ein Bläserset der Extraklasse. Pat Carey besitzt das Tenorsaxophon und war fast vierzig Jahre bei der Downchild Bluesband dabei. Gary ist ausgezeichnet und wurde es auch mehrfach mit dem Maple Blues Award.
Der Mann an der Trompete heisst Howard Moore und kann mit einer regelrechten akademischen Musikerausbildung glänzen. Er spielte an der York University, der University of Toronto und dem Royal Conservatory Trompete und Keyboard. Der Mann war nie untätig, hat er doch an über zweihundert Alben mitgewirkt.
Meiron Mel Kelly bedient die Posaune und weiss als ausgezeichneter Master in Jazz vom Queens College in New York, wie man dieses gleitende Instrument meisterlich bedient. Er arbeitet als Studiomusiker und Musikpädagoge, wenn der nicht gerade mit der Maple Blues Band auf den Brettern der Welt steht.
Alison Young reist stets mit dem Bariton- und Tenorsaxophon an. Die Nominierte des Juno Awards ist auch Komponistin von Ottawa. Wenn schon Musikerin, dann richtig: Als Vorbilder nennt sie Sonny Rollins und Cannonball Adderley.
Die Maple Blues Revue endete, bevor ich fertig war mit Zuhören., als alle Musiker:innen für ein fulminantes Finale sorgten. Doch vorher ist noch viel mehr passiert, als sich weitere Gastsänger:innen die Bühne eroberten. Gary Kendall erzählte über einen ehemals jungen Mann erzählte, der ebenfalls dreimal für den Juno Awards nominiert war.
Jay Douglas ist Produzent und Leiter seiner Jay Douglas All-Star Band. In Toronto und Montreal war Jay mit den Cougars unterwegs und zwar gleich als Frontmann. Die Cougars waren in den 60er und 70er Jahren in den karibischen Clubs unterwegs und haben Ska, Reggae, R&B, Soul und Funk zelebriert. Jay und seine Stimme mischten erstmal das Publikum kurz auf. Dem spindeldürren Mann im Anzug traute ich nicht zu, dass darin eine kräftige Stimme stecken könnte. Dann öffnete er den Mund, und der spindeldürre Anzug verschwand hinter einer Stimme wie ein Bass-Fundament. Der Mann ist Soul und Rhythm in reinster Form. Selbstverständlich hat er sich gleich in die Herzen und in den Publikumsraum gesungen, Hände geschüttelt und durch die Reihen getanzt.
Die Maple Blues Band spielte ein paar Songs mit Bedeutung, die von Gary erklärt wurden. Als Instrumentalband kannst du jeden Song nennen, wie du magst. Ohne Lyrics hat der Titel freie Bahn. Habe ich bereits erwähnt, dass gleich neun Musiker den Sound der Band gestalten?
Al Lerman ist kaum zu übersehen oder gar zu überhören. Al ist Mister Harmonica und gilt als einer der besten kanadischen Harmonikamusiker. Er gewann bereits zwei Juno Awards. Er spielt nicht nur mit der Maple Blues Band, sondern macht sich als Solomusiker auf den Bühnen breit. Immerhin hat er in dieser Karriere bereits fünf Alben produziert.
Teddy Leonard ist der Gitarrist mit extremer Spielfreude. Der Mann lächelte begeistert, wenn eines seiner verspielten Soli beim uns dem Publikum gut ankam. Und es kamen alle gut an. Vor dreinundzwanzig Jahren gewann er mit seiner Band Fathead den Canaidan Indie Award.
Samantha Martin sei die unermüdliche Workaholic Frau im Musikkbusiness, kündigte Gary die nächste Stimme des Abends an. Wenn Joe Cocker und Tina Turner eine Tochter gehabt hätten, dann wäre es Samantha. Reibeisen trifft es nicht mal halb — ihre Stimme schleift, wo andere nur kratzen. Samantha singt, schreibt und produziert Alben zwischen Roots-Rock, Blues, Soul und Gospel. Immerhin sind es bereits fünf erwachsene Alben geworden. Auch sie wurde mehrmals für den Juno Award nominiert. Ihre Stimme reisst das Publikum wieder aus allfälligen Tagträumen.
Und dann waren da noch zwei, die man beim Zählen der Stimmen fast vergisst: der Drummer und der Keyboarder.
Jim Casson trommelt seit über dreissig Jahren in der kanadischen Blues-Szene und zwar erfolgreich. Er ist zweifacher Maple-Blues-Preisträger, wurde einmal sogar als Drummer des Jahres erkoren. In seinem eigenen Cherry Pit-Studio produzierte er drei Solo-Alben und machte sich auch als Moderator der Radiosendung “Cerebral Cinema» einen Namen.
Martin Alex Aucoin ist der Keyboarder und das jüngste Mitglieder Maple Leaf Band. Nach seiner musikalischen Ausbildung in Sudbury und am Humber College spielte er mit Morgan Davis und Jack de Keyzer. Als er in Nasvhille lebte tourte er mit B.J. Thomas und stand vier Jahre lang in der Grand Ole Opry auf der Bühne. Seit 26 Jahren ist er wieder in Toronto zuhause.
Bisher kannte ich unter dem Begriff Revue einige Darbietungen und haben Assoziationen entsprechend geprägt. Die Maple Blues Revue hat gestern Abend nicht nur den Begriff neu definiert, sondern auch meine Gänsehaut auf eine neue Dosis eingestellt.











