Manche mögen’s heiss.
Der Verein der Hitzefans wird kleiner. Schneller als erwartet. Europa schwitzt, wie nie zuvor.
Der Juni 2026 bot die brütendste Hitzewelle, die je registriert wurde. Das heisst, etwa 150 Millionen Menschen von Dänemark bis Spanien leiden unter der Wucht der Sonne. Eine Generalprobe, sagt die WHO. Kommt da noch eine Hauptvorstellung?
Ja. Kommt sie. Aber das Programm hat noch andere Stücke. Es gibt Möglichkeiten, um der Hitze zu entkommen. Die liegen nicht in der Schublade. Die laufen bereits.
Heute spielt: Erste Hilfe.
Kurzfristig geht es nicht um Eleganz, sondern ums Überstehen. In Bibliotheken, Gemeindezentren, Kirchen gibt es kühle Räume, die mit Klimageräten ausgerüstet sind und tagsüber am Solarstrom vom eigenen Dach hängen. Oder sprudelnde Trinkbrunnen, mobile Schattensegel über Schulhöfen und Märkten, manche gar mit Solarfolie bespannt. Nicht zu vergessen die Balkonkraftwerke, die den Ventilator speisen, ohne die Stromrechnung zu provozieren.
Morgen im Programm: Zwei Fliegen, ein Panel
In den nächsten ein bis fünf Jahren kann aus Improvisation Infrastruktur wachsen. Mit Solardächern über Plätzen, Parkplätzen, Bushaltestellen und auch Bächen und Flüssen wird oben Strom und unten Schatten generiert. Zwei Fliegen, ein Panel. Frankreich verlangt bereits per Gesetz, dass grosse Parkplätze mit Solarpanels überdacht werden. Die Kühle kann auch aus der Ferne kommen. Aus Seen und Flüssen zum Beispiel. Genf kühlt ganze Quartiere mit Seewasser, Zürich macht es ebenso, Paris kühlt den Louvre mit der Seine (ja, der Fluss) mit einem Bruchteil des Stroms klassischer Klimaanlagen. Nicht zu vergessen die reversiblen Wärmepumpen, die im Winter heizen und im Sommer kühlen. Batteriespeicher schlucken den Überschuss des Mittags —, damit auch die Tropennacht erträglich wird. Nachts macht sich der Wind öfters bemerkbar, weil er lieber in der Dunkelheit durch die Gegend bläst. Sonne und Wind sind Schichtarbeiter. Tag und Nacht.
Vorschau auf Übermorgen: Bäume sind schattenhaft.
Langfristig denken und rasch umsetzen ist die Devise. Städte müssen neu gedacht werden. Den Boden entsiegeln. Asphalt speichert, was niemand bestellt hat. Helle Dächer reflektieren die Einstrahlung, grüne Fassaden kühlen, Schwammstädte schlucken Regen und geben etwas Kühle zurück. Doch die Krone der Kühlung sind die Bäume — die älteste Klimaanlage der Welt. Sie braucht kaum Wartung und ist stets gratis im -Vollbetrieb. Wie war das noch mit den Menschen, die Bäume pflanzen, in deren Schatten sie nie sitzen werden. Das macht eine Gesellschaft gross und lebenswert.
Raus aus Kohle, Öl und Gas, hinein in ein Energiesystem aus Sonne, Wind und Wasser. Denn der beste Hitzeschutz bleibt der, der die Hitze gar nicht erst bestellt. Was spricht eigentlich dagegen? Fragen wir die Kasse.
Ach, die Kasse klingelt im Sekundentakt
Bleibt die Frage aller Fragen: Wer soll für die neue Infrastruktur bezahlen? Berechtigter Einwand. Und die Antwort liegt verblüffend nah. Während Europa schwitzte, rechnete Oxfam nach: Sechs westliche Ölkonzerne — Exxon, Shell, Chevron, BP, TotalEnergies, ConocoPhillips — werden dieses Jahr rund 94 Milliarden Dollar Gewinn einfahren. Das sind 2’967 Dollar pro Sekunde. Pro Sekunde! Ungefähr der Preis eines Balkonkraftwerks samt Ventilator. Tick. Noch eines. Tick. Noch eines. Und Saudi Aramco verdiente im vergangenen Jahr — einem für die Branche angeblich schwachen — 93 Milliarden ganz allein.
Die bittere Pointe dahinter: Je instabiler die Welt, desto voller die Kassen. Krisen treiben den Ölpreis, der Ölpreis treibt den Gewinn. Man verdient am Fieber, das man mitverursacht hat. Wer also soll das bezahlen? Vielleicht ist das die falsche Frage. Die richtige: Wer hat es längst kassiert?
Nichts von alledem ist Science-Fiction. Alles existiert, funktioniert, rechnet sich. Was fehlt, ist nicht die Technik. Was fehlt, ist nicht einmal das Geld — es fällt im Sekundentakt an, nur in die falschen Kassen. Was fehlt, ist das Tempo. Die WHO sprach von einer Generalprobe. Gut. Dann wäre jetzt der Moment, das Bühnenbild umzubauen — in drei Akten: heute, morgen, übermorgen.
Das Geld für die Kulissen? Tick. Tick. Tick.



