Litterally
Wörter tragen grosse Verantwortung. Jeden Tag und für jeden Satz. Denn Wörter sind nicht einfach eine zuammengewürfelte Kombination von Buchstaben.
Das wäre an sich auch sinnlos, da unverständlich im Satzbau. Doch sie sind verantwortlich für soviele wichtige Dinge in der Kommunikation. Ich mag Wörter nicht genügend loben - und tadeln - was sie in den Köpfen der Menschen auslösen.
Ich liebe Wörter.
Mein Leben hier in Kanada ist zum grössten Teil von englischen - oder besser ausgedrückt - von kanadischen Wörtern gestaltet. Fazit: Mein kanadisches Leben hat sich eine weitere Wörtergrube geleistet. Nun, es ist ein tägliches Ritual, mir neue Wörter ins Portfolio, ins Repertoire und besser, ins Vokabular zu holen. Nein, ich fische nicht alle neuen Wörter aus dem See und stelle sie in mein Archiv. Das würde meiner Ausdrucksweise kaum weiterhelfen. Ich fische mir täglich ein Wort, memorisiere es möglichst und packe den Beizettel der Bedeutung dazu. Das ist die eine Hilfestellung für praktisch besser genutzte englisches Sprachvolumen. Bei einigen Wörtern hapert es mit dem Anwenden in akustischer Weise. Das kennen die einen oder anderen Sprachinteressierten sicherlich. Ich sehe dsa Wort, ich kenne - ungefähr - wie das Wort phonetisch in die Welt geblasen wird. Doch dann kommt der Zungenschlag uns will spielen. Immer zum Schaden des verständlich klingenden Wortes.
Das eine Stolperwort verfolgt mich seit Jahrzehnten: Literally. Selbstverständlich liebe ich dieses Wort, weil es ja «wörtlich» bedeutet. Und ja: ich habe im Titel das Wort verfälscht und es mit zwei TT geschrieben. Warum? Weil ich dieses Wort nicht wörtlich, sondern vieldeutig für meine Morgengeschichte anwenden will.
Litter heisst im Deutschen «Müll» oder «Abfall» und ist keine Masseinheit für Flüssiges. Und ja, es gibt wie jeden Morgen einen Auslöser für dieses veränderte Wort «litterally». Verantwortlich sind die japanischen Fussballfans.
Zu Tausenden sind sie in die USA, nach Mexiko oder Kanada gereist, um ihr Fussballteam gewinnen zu sehen. Sie geben viel Geld für Flüge, Hotelzimmer, Restaurants und das Spiel selbst aus. Ja, das tun Millionen anderer Fussballfans auch. Die japanischen Fans ticken ein klein wenig anders. Nach dem Spiel - nach jedem Spiel - nehmen die Leute aus dem Land des Lächelns ihre blauen Plastiksäcke hervor und beginnen die Sitzreihen, den Boden von Abfall und Schmutz zu befreien. Ein Befreigungskampf der Kulturen. Ich sah Videosequenzen mit Menschen in ihrem Fanoutfit durch die Stuhlreihen gehen, von Hand allen Abfall in die Säcke zu verstauen. Ja, in ALLEN Stuhlreihen des ganzen Stadions. Wenn diese Fans das Stadion verlassen, dann reiben sich die bezahlten Mitarbeiter des Stadionbetriebes die Augen. Alles tiptop und rein, als wären keine Tausenden von Menschen überhaupt hier gewesen.
Ein solches Verhalten von Japans Einwohnern ist in früheren Meisterschaften bereits aufgefallen.
Die Erklärung ist erfreulich einleuchtend: Die Kinder lernen (!) in der Schule, was Respekt und Reinlichkeit bedeuten. Und wie wichtig das für die Kultur und das Zusammenleben von Menschen heisst. Das Motto der Lernenden ist und bleibt: «Wir verlassen den Platz so, wie wir ihn vorgefunden haben.» Litterally. Wörtlich.
Für die japanische Bevölkerung ist dies keine besondere Tat, keine aussergewöhnliches Verhalten. Sie haben dieses Motto im Blut oder durch die Muttermilch eingezogen.
Unglaublich, wenn sich diese Idee des Respekts überall in der Welt vebreiten würde!



