Ja, du bist extrem intelligent. Zugegeben. Du wusstest von Anfang an, dass ich wie die meisten der Homo Sapiens Familie der erste bin, der dich im Hause empfängt. Der Gastgeber für deine prickelnden Hinweise, dass ich im Recht bin. Dass meine Meinung als die richtige zu zählen sei. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie mein Leben verlaufen würde, wenn ich alles kritisch infrage stelle. Wie unangenehm und nervig wäre das denn?
Ja, ich lasse mich am einfachsten und als ersten von dir täuschen. Und nein, das ist nicht einfach nur meine Meinung. Das sind Resultate von Gruppen dieser Wissenschaftler, die sich eine Frage stellten: Wer lässt sich auf dich ein und wer gibt am schnellsten nach?
Oh Mann, welch brutale Einsicht - und das nicht nur in einer einzigen Studie.
Weisst du, wie gut es sich lebt, wenn die eigene Meinung als wahr angesehen wird? Nun, es war und ist angenehm für mich, denn die Bequemlichkeit ist eine angenehmen Lebensform. Die Autobahn der falschen Annahme ist vielspurig und schnell.
Und nun soll ich mich von dir, der Täuschung, trennen? Ich soll mich freiwillig enttäuschen?
Oh verdammt!
Kannst du dir nur im Ansatz vorstellen, wie mühselig mein Leben dadurch wird? Diese ständigen Zweifel und das Misstrauen meiner eigenen Meinung oder meiner Annahme gegenüber sind sowas von verräterisch. Oder nicht? Meine Meinungen habe ich nicht vom Baum der Erkenntnis gepflückt. Nein, die ist organisch gewachsen. Die Zutaten dafür: ein Gespräch beim Zmorgä, eine Schlagzeile, ein Gefühl, das sich richtig anfühlte. Ich höre, lese, diskutiere und koche das Ganze eine zeitlang, bis sie für meinen Gaumen angenehm zu goutieren ist. Was soll daran falsch sein? Schliesslich hast du mir diese Kochkunst über die Jahrzehnte beigebracht. Der Brei des gefühlvollen Annahmen ist stets ein Wellnessbad mit reizvollen Gerüchen und Massagen des Geistes.
Doch dann kamen sie um die Ecke stolziert und spuckten in meinen Brei des Wohlgefallens. Die Kritiker. Die Wissenschaftler. Die Advokaten des Teufels.
Ihre Waffen waren sowas von fies und passiv-aggressiv. Die haben sich manchmal über Jahre hinweg auf unser Treffen vorbereitet. Vor allem die wissenschaftlich Beeinflussten hielten mit den Fakten nie zurück. Die haben sich zusammengerottet, eine Frage ins Labor geworfen und sich darauf gestürzt, um Antworten zu finden. Wer lange wissenschaftelt, wird auch irgendwann fündig.
Das ist nervig und beunruhigend für meine alltägliches Leben, meine liebe Freundin, von der ich mich gerne trennen will.
Hey, hey - beruhige dich. OK? Wir hatten eine feste und wohlfühlige Beziehung und die sollten wir jetzt nicht mit negativen Adjektiven vergiften. Einverstanden? Natürlich bleiben wir Freunde, aber meine grosse Liebe bist du nicht mehr. Ich werde dich immer mal wieder einladen, dich mit mir auszutauschen. Wobei - ich habe nie etwas mit dir geteilt oder dich etwas gelehrt. Wir hatten eine ziemlich einspurige Beziehung, findest du nicht?
Wer meine grosse Liebe jetzt ist?
Das werde ich dir sicher nicht auf die Nase binden, liebe Täuschung. Ich kenne dich und deinen Charakter etwas besser und das macht mich vorsichtig. Ich weiss - oder nehme an - dass du dich sofort an meine neue Flamme heranmachen wirst, um sie ebenfalls zu täuschen.
Da wirst du dir die Täuscherzähne aber ausbeissen, meine Liebe. Denn meine Neue ist bis zu ihren Zähnen gut bewaffnet.
Wie, was ihre Waffen sind?
Sie gehört in die Gruppe der Enttäuschten - und noch weiss sie nicht, dass ich sie beim Namen nennen werde: Wissenschaft. Und das macht ihr extrem viel Arbeit. Das macht ihr aber nichts aus, denn sie hat eine leidenschaftliche Beziehung zu Arbeit. Für sie ist das keine negativ belastete Beschäftigung, sondern ihr Motor, ihre Passion. Sie prüft, verwirft, fängt wieder von vorne an - und nennt das nicht Rückschlag, sondern Montag. Nein, sie gehört niemals zu den Frustrierten, wenn sie eines Irrtums aufgesessen ist. Im Gegenteil. Sie lehnt sich lächelnd zurück und meint: «Oh danke für die Erkenntnis.»
Na, wie positiv ist das denn, meine Liebe?
Also gut, ich verrate dir, wer mein Herz erobert hat: Motor Wissenschaft.
Ich habe mich eines Tages vor langer Zeit gefragt, wieso sich die dort tätigen Leute, also diese Wissenschafter immer wieder täuschen. Das ist die eine Sache. Doch was sie zusätzlich tun - Oh Mann - sie geben es sogar öffentlich zu. Masochistisch, dachte ich anfangs. Bis mir klar wurde: das ist kein Selbstschaden. Das ist die Pointe.
Die Tür des Rätselhaften.
Wissenschafter sehe ich wie kleine Kinder, die ihre Neugier über das Erwachsensein gerettet haben. Sie gehören in die Gruppe der Ewigfragenden. Doch das Fragen alleine genügt ihnen überhaupt nicht. Sonst wären sie ja nur Nörgler.
Sie nehmen sich des Unwissens an und beginnen zu graben. Warum. Wieso. Weshalb. Wie sonst. Und ähnlich motivierte Wörter gehören in ihr tägliches Repertoire. Falls sie die Gelder bekommen, um an diesen Fragen weiterzuforschen, dann geht die Post so richtig ab.
Uii, das ist fantastisch, wenn Menschen bezahlt werden, die sich mit Haut, Haar und Geist in eine Sache verbeissen.
Doch sie tun dies nicht einfach im Labor oder im Studierzimmer. Nein, sie posaunen ihre Erkenntnisse in die Welt hinaus. Einmal rund um den Globus. Diese Posaunen werden an andere Wissenschafter verteilt.
Gut, gell?
Warte, es kommt noch besser. Anschliessend laden sie alle und jeden dieser wissenschaftlichen Süchtigen ein, ihre Thesen und Erkenntnisse unter die Lupen, Mikroskope und eigener Erkenntnisse zu nehmen, um sie zu kritisieren oder auseinanderzunehmen.
Was wollen die damit denn erreichen? Habe ich den Begriff Masochismus bereits verwendet?
Wieso behalten diese Menschen ihre Erkenntnisse nicht einfach für sich? Warum arbeiten die mit ihnen völlig fremden Menschen mit ähnlicher Leidenschaft zusammen?
Wie?
Ach, sie wollen sich durch ihre Resultate nicht täuschen lassen? Und sie wollen der Wahrheit, sprich den Fakten auf die Spur kommen?
Diese Forscher der Internationalen sind die Lustvollen unter den Neugierigen. Sie wollen Rätsel enträtseln und die Menschen ent-täuschen. Im besten Sinne der elimierten Täuschung.
Sorry, meine Liebe, das musste einfach mal gesagt sein.
Ja, wir bleiben Freunde. Entfernte Freunde.
Und falls du dich doch mal bei mir meldest: Ich öffne die Tür nicht mehr so schnell wie früher.
Christian
Swiss-Canadian Storyfinder.



