Lass uns über «whelmed» reden.
Sprache ist eine Wortfabrik, die nie schließt. Wörter sterben selten. Sie werden höchstens pensioniert. Sprache lebt von der Schöpfung.
Nein, nicht von DER Schöpfung, sondern von der Fantasie in der Wortfabrik. Da werden neue Wörter geschmiedet, gehämmert und vor allem genutzt, die es im Vorjahr noch gar nicht gab. Das freut die Firma Duden und andere Wörterbuch-Hersteller.
Ich freue mich auch, wenn ich neue Wörter finde. Und diese finde ich jeden Tag zuhauf. Im deutschen und im englischen Wortschatz. Das schätze ich. Als Anwender von Wörtern aus der englischen Sprache will - nein - muss ich natürlich wissen, was der Begriff bedeutet. Sonst kann der Griff in die Wörtergrube etliche peinliche Momente erzeugen. Eines der seltsamen Wörter ist der Begriff «whelmed» oder «to whelm». Ein Wort, das gut auf meine Stimmung heute morgen um fünf passt.
Das Seltsame an diesem Wort «whelm”: Es wird kaum ohne Vorsatz benutzt. Es gibt entweder das «underwhelmed» als Zustand, was soviel wie «enttäuschen» heisst. Wer sich dem Vorwurf des «underwhelmed» ausgesetzt sieht, der hat nicht überzeugt, war überhaupt nicht überwältigend. Der zweite Begriff mit Zusatz ist «overwhelmed». Das war vorauszusehen. Nun wer das Wort «overwhelmed» zu hören bekommt, der wird noch mehr gestresst sein. Denn das bedeutet schlicht und einfach, dass die Betroffenen mit ihrer Arbeit, dem Leben, den Finanzen und der Politik überfordert sind.
Und schwupps wären wir beim heutige Thema anbelangt. Und fühlt sich irgendwie «whelmed» an. Whelmed bedeutet, mit etwas überschüttet zu werden. Es muss damit nicht mal eine Flüssigkeit gemeint sein - ist es auch nicht - sondern eine Flut von Ereignissen beginnt erstmal «whelmed» und endet mit «overwhelmed».
Und ja, ich meine die täglichen Nachrichten aus den Kanälen der Medien - sozial oder unsozial - ist heute nicht das Thema. Ich hätte früher aufgehört zu scrollen. Hab ich nicht. Ich wollte eigentlich nur einen Überblick über den Zustand der Welt, in der ich lebe.
«Overwhelmed»
Das Lexikon weiss scheinbar genau, warum dieses Wort perfekt auf meine Laune passt. Es zeigt mir, dass ich mich besiegt, überwältigt, überrannt und erdrückt fühle. Das alles steckt im Begriff «overwhelmed» mit drin. Und es bleibt mir im Halse stecken, weil dieser mit den brutalen, unvorstellbaren und zutiefst abscheulichen Nachrichten bis oben hin gefüllt ist.
Ist das noch meine Welt?
Kann ich noch unbeschwert mein Leben gestalten?
Ich zweifle.
Ich verzweifle.
Mit dem Zweifel kann ich leben. Die Katastrophe nicht ignorieren — das ist der Preis.
Womit ich nicht umgehen will oder kann ist das Wort «dull», also des Abstumpfens.
Ich muss zweifeln.
Ich muss verzweifeln.
Dann bleibe ich Mensch unter Menschen.
Dann bleibe ich ein Beteiligter.
Dann bleibt die Hoffnung lebendig und aktiv.
Für heute. I am whelmed.



