Nein!
Wieso sollte ich das Thema Politik links oder rechts liegen lassen? Schliesslich wurde die Demokratie in den Markt des Gesellschaftlichen eingeführt, um nach den Bedürfnissen und Meinungen der Menschen zu fragen. Und sie abstimmen zu lassen.
Falls wir alle die Politik den Experten, sprich Juristen und anderen Leuten, überlassen, was passiert dann? Politiker:innen gestalten Gesetze und Regeln. Oder sie lassen sie zumindest gestalten. Und für wen gelten die Gesetze? Oh ja, für die Bürger:innen, die Menschen und den Alltag. Ergo will und soll ich wenigstens mitreden und allenfalls mitgestalten können. Oder nicht?
Seit Kanada mein Leben mitgestaltet, hat der Begriff eine zusätzliche Variante bekommen. Denn der erste Teil des Wortes Polit-ik enthält das wunderbare Wort «polite». Höflichkeit. Der Inbegriff des Zusammenlebens mit anderen Lebewesen gestaltet die Kommunikation und das Verhalten. Kanadier:innen sind noch immer «polite», ergo höflich, zuvorkommend und wohlwollend. Nicht immer. Nicht alle. Aber das Höflichsein scheint in der Maple Leaf Seele zu sitzen.
Nun mal angenommen, dass Politik oder politics die Höflichkeit als Teil der Begrifflichkeit innehat? Wie wohtuend wäre dann das Zusammenarbeiten, die Atmosphäre und vor allem die Resultate beim täglichen Politisieren der Profis?
«Politicians are polite!»
Das wäre mal meine Forderung für den Anfang.
Nun zurück zum Begriff Politik als solches im Rückspiegel der Geschichte. Der Blick ist nicht durchgehend erfreulich, denn die These «das krieg ich!» führte in der Praxis zu oft zu Kriegslüsternheit. Wieso Krieg mit Lüstern zu tun hat, ist mir immer noch schleierhaft. Doch die Evolution der Menschen hat dennoch Besserung bewirkt. Ja, durch die Politiker:innen und die Systematik von Demokratien.
Demokratie heisst ja wörtlich: Herrschaft des Volkes. Und ein Volk, das mitreden darf, neigt seltener zum Krieg — es hat zu viel zu verlieren. Wenn ein System die Bürger:innen mitreden lässt und nach ihrer Stimme fragt, dann ist das an sich bereits eine attraktive Variante der Politik.
Ich bin seit zwei Jahren doppelt privilegiert, wenn es um die Politik geht. Immerhin sind gleich zwei Länder an meiner Meinung und meiner Stimme interessiert. Die Schweiz tut dies seit meinem achtzehnten Geburtstag und Kanada seit meiner Einbürgerung. Ich lasse keine Gelegenheit aus, meiner Stimme per Papier Gehör zu verschaffen. Auch in der Schweiz, obwohl ich nicht mehr in dessen Staatsgrenzen lebe. Mein ehemaliges Heimatland und die Schweizer Gemeinschaft der Bürger:innen interessiert mich nach wie vor.
Kanada ist bei Abstimmungen etwas zurückhaltender. Das Initiativwesen ist nicht so aktiv, wie diese in der direkten demokratischen Situation der Schweiz der Fall ist. Dennoch fühlen sich mein Bauch und ich immer kitzelnd gepinselt, dass nach meiner Stimme gefragt wird.
Kitzeln allein wählt aber noch keine Regierung. Politik beginnt erst, wenn aus dem Kreuzchen ein Gesetz wird. Schliesslich sollen die politischen Mittel das Leben der Menschen durch Gesetze regeln. Theoretisch läuft die Demokratie wie ein altes Velo: knarrt, aber kommt vorwärts. Dennoch wird eine Demokratie selten oder nie die Bedürfnisse aller Beteiligten befriedigen können. Die Vielfalt ist zu gigantisch. Aber im Grundsätzlichen von Rechten und Pflichten wurde doch einiges und meist Positives erreicht.
Wenn ich auf das Leben meiner Eltern, vor allem das meiner Mutter, zurückblicke und dann auf deren Kinder und Grosskinder sehe, dann ist der Fortschritt an Freiheiten und Möglichkeiten willkommen.
Dieser Blick zurück ist unbequem — er zwingt mich, die Gegenwart nüchterner zu sehen, als es mein Bauchgefühl will.
Denn die gefühlte Wirklichkeit über den Zustand der Welt ist selten objektiv. Ich weiss, diese Meinung gefällt den Gefühlen nicht besonders.
Ich lebe in einem Land, in einer Stadt und in einem Netzwerk von Menschen. Von unterschiedlichen Menschen. Wie spannend ist das denn? Und damit bin ich mit Verantwortungen ausgestattet, ob mir das passt oder nicht. Ich bin verantwortlich, dass ich mit den Menschen um mich herum klar komme. Nein, es geht nicht nur um Kompromisse oder um das Nachgeben. Im Gegenteil. Die Sache mit dem Zusammenleben setzt Verständnis, Zuhören und Kommunizieren voraus.
Und mit der Gemeinschaft, in und mit der ich lebe.
Das ist alles hochpolitisch, meine Freunde. Denn es geht immer um die Gemeinschaft, um die Menschen und ihre Bedürfnisse, Rechte und Pflichten.
Nein, ich lasse die Politik nicht aus dem Spiel.
Sonst bin ich selbst raus aus dem Spiel.
Wie schade wäre das denn?



