Wer genügend Schafe zählt, fällt in den gesuchten tiefen Schlaf. So meint die Legende.
Bei der Wuikinuxv Nation zählen die etwa dreihundert indigenen Menschen lieber Lachse. Und sie tun dies im hellwachen Zustand.
Diese sogenannten Creekwalkers machen sich zu Fuss auf, um in den zahlreichen Flüssen und Bächen die Lachse zu zählen. Mit Notizheft in der Hand zählen sie, Fisch für Fisch, lebend oder tot. Weiter draussen im Fluss nimmt sich eine Maschine dieser wichtigen Arbeit an: Das Sonar misst, wie viele Lachse am Dorf vorbeiziehen. Was das Sonar nicht wissen kann - oder will - ist, wer von den Lachsen wirklich am Ziel ankommt. Dieser Job wird von den Creekwalkers erledigt.
Apropos Lachse. Welch eine seltsame Geschichte diese schwimmenden rot-orangenen Fische ihr eigen nennen. Die geschlüpften Lachs-Babies werden im süssen Wasser geboren und sind bereits unzufrieden. Das Süsswasser empfinden diese verzogenen Babies langweilig, ergo ziehen sie los und suchen das Meer mit Würze. Ihr Leben verbringen sie im Salzwasser des Pazifik. Warum? Keine Ahnung. Doch die Stätte der Geburt hat noch immer einen Platz im Körper des Lachses. Deshalb ziehen sie immer wieder in ihre Heimat des Süsswassers im Fluss zurück. Ihr Motto? Das Leben ist ein Fluss.
Der Lachs ist ein Heimkehrer aus Überzeugung. Meistens findet der Lachs punktgenau den Bach, aus dem er kam. Wunderlicherweise finden sie den Heimweg ohne Hilfe von GPS oder anderen Apps. Sie orientieren sich vermutlich nach dem Erdmagnetfeld und dem Geruch, erkannten Forscher der Lachspopulation.
Die Creekwalker unterscheiden fünf verschiedene Gesichter, die an der Kanadas Pazifikküste herumschwimmen: Chinook, Sockeye, Coho, Pink und Chum. Der Chinook ist der Gigant der Lachse. Er kann die Grösse eines Kindes annehmen. Ja, das Kind eines Menschen, nicht des Lachses. Der Pink hält einen Zweijahrestakt in seinem Kalender fest, als richte er sich nach einem Metronom. Der Sockeye wird zur Hochzeit knallrot und der Kopf färbt sich grün. Die Mode der Liebe macht die Liebe zur Mode.
Im Kleingedruckten des Lachs-Handbuches steht Dramatisches. Pazifische Lachse laichen exakt einmal in ihrem Leben. Dann werden sie selbst zu Leichen. Kein Pathos, nur Biologie. Oh ja, die Geschichte hat selbstverständlich eine Pointe. Bären schleppen die Kadaver in den Wald und düngen damit den Boden, auf dem die Bäume gedeihen. Die Bäume werfen grosszügig den Schatten auf den Bach. Welch grosszügiger Kreislauf die Natur sich manchmal ausdenkt.
Die Wuikinuxv Nation fängt weniger als ein Prozent der lachsigen Rückkehrer. Denn Indigene zelebrieren den Respekt vor der Natur. Die Bewohner von Wuikinuxv senkten die Fangquote für die Lachse, damit die Bären nicht vor dem leeren Tisch sitzen müssen.
Wo sind eigentlich die Schäfchen hin?
Wer abends Schäfchen zählt, möchte die Welt für eine Weile ausschalten.
Wer Lachse zählt, will die Welt erhalten.



