Komplette Idioten.
Chatting in Newmarket oder Plaudern in Basel sind auf beiden Seiten des Atlantiks prickelnd. Beim Plaudern gibt es keine vorgefassten Regeln, wie die Gespräche ablaufen werden.
Es gibt höchstens vorgefasste Meinungen, die nach grösserer Verbreitung rufen. Für unsere Köpfe ist der Austausch von Gedanken ein erquicklicher Vorgang mit oftmals erstaunlichem Ergebnis. Wir Homo Sapienser:innen teilen Ideen, Gedanken und natürlich auch Gehörtes oder Gelesenes. Während die plaudernde Seite unzählige Wörter in die nähere Öffentlichkeit sendet, ist die lauschende Seite beschäftigt, die geteilten Informationen zu verarbeiten. Oh Mann, das hört sich nach viel Arbeit und Mühseligkeit an.
Erstaunlicherweise sind Gespräche das Gegenteil. Ich mochte seit jeher den Satz «Wir hatten ein befruchtendes Gespräch.» Wie positiv ist das denn, wenn durch reines Reden und Hören etwas befruchtet wird. Ein Gedanke, eine Erkenntnis oder eine Vision kann zu einem realen Projekt werden.
Ich bin ein erklärter Enthusiast der menschlichen Gehirne und deren Fähigkeiten. Ein oder zwei Blicke auf die ziemlich kurze Geschichte seit der Erfindung des Menschen lässt mich in tiefes Staunen verfallen. Nicht täglich, aber immer wieder prickelt es in Magen und Hinterkopf, wenn ich Dinge entdecke, die durch menschlichen Erfindungsgeist das Licht der Kunst, der Wissenschaft und der Welt erblickt haben. Wenn aus scheinbar unmöglichen Ideen, Spinnereien und Visionen neue Denk- und Lebensweisen, Gesellschaftsformen der Menschheit entstehen.
Die Kreativität des Homo Sapiens scheint unermesslich zu sein.
Eine dieser Entdeckungen und realen Erfindungen ist die künstliche Intelligenz mit den Initialen KI. Die Idee dazu geistert seit fast einem Jahrhundert in den hellen Köpfen herum. Genauso lange existieren die Horrorgeschichten sowie die Begeisterungsstürme über die Ausstattung von KI. Jetzt und heute hat die KI nicht nur Fahrt in die Allgemeinheit aufgenommen, sondern zeigt bereits, dass einige der dunklen Stories über deren Auswirkungen noch düsterer sind. Es macht mich immer etwas unruhig, wenn sich superreiche Techmagnaten alle Unternehmen unter den Nagel reissen, die auch nur entfernt KI im Portfolio führen. Wenn eine Konzentration von Intelligenz - vor allem der künstlichen Art - sich in einem oder ein paar wenigen Unternehmen wiederfindet, welche Türen öffnen sich da für diese Unternehmer? Werden die Fähigkeiten der KI zum Wohle der Menschheit oder zum Wohle einzelner verwendet?
Ich weiss es nicht, aber ich werde Mal kurz KI befragen.
Ich experimentiere seit einiger Zeit selbst mit KI. Einerseits bin ich chronisch neugierig, was dieses Ding der Marke KI so drauf hat. Prickelnd ist die Suche nach dem, was die Nutzung der künstlichen mit meiner natürlichen Intelligenz macht? Wird meine Denkfähigkeit (ich gehe mal davon aus, dass sie meistens anwesend ist) durch KI beflügelt oder wird sie gelähmt? Komme ich auf neue Ideen, wenn ich die KI kitzle und komplexere Gedanken mit ihr teile? Oder lässt sich meine Intelligenz bequem in einen Sessel fallen und wartet, was der künstliche Bruder zu liefern bereit ist.
Mein Misstrauen gegenüber KI hat sich nicht so richtig entfalten können. Entweder war ich voreingenommen oder jetzt beim Anwenden eingelullt worden. Die Idee, dass mir jemand das Denken abnimmt, das war mir nie richtig sympathisch. Ausser, wenn sich mein Denken in mal kurz in die Hängematte legte. Ich sagte der KI, was ich wissen will und wartete wie die Maus vor der Schlange, was als nächstes passieren würde.
Zeile um Zeile wurden in rasendem Tempo Sätze auf den Bildschirm gepflastert. Ohne Pause. Ohne Zwischengedanken.
Und dieses eine englische Wort machte sich etwas Platz in meinen Gedanken: Overwhelmed. Überfordert.
So geht das nicht. Das will ich nicht. Und das mag ich nicht.
Mein Gehirn ist nicht für die bequeme Seite des Lebens von der Evolution erfunden worden. Das Gehirn ist elektrisch und auch elektrifizierend, weil es eine der emsigsten Produktionsstätten überhaupt darstellt. Die menschliche Intelligenz hat einen faszinierenden und aussergewöhnlichen Vorteil: sie ist nicht linear, sie ist chaotisch und sie verbindet. Manchmal, wenn ich sehr leise denke, dann höre ich das leise Klicken, wenn sich zwei bisher unbekannte Gedankenstränge verbinden. Wenn ich Wörter in Bestandteile zersäge und plötzlich weitere Bedeutungen auf dem Seziertische sehe. Dann zittern nicht nur meine Synapsen vor Freude.
Mein Respekt geht an diesen natürlich funktionierenden Blumenkohl im Kopf aller Menschen. Vor allem bewundere ich das Unterbewusstsein, also das Denken im Untergrund. Dort im verschlossenen Archiv aller Gedanken, Bilder, Eindrücke und Erfahrungen geht die Post ab. Wer vergeblich versucht, sich an ein Wort oder eine Story zu erinnern, wird wahrscheinlich etwas frustriert aufgeben. Diese Frustration ist mein täglicher Freund. Gehe ich unter die Dusche oder auf einen Spaziergang - peng - ist das Gesuchte im Postfach.
Doch zurück zur Künstlichen Intelligenz. Die ist ja kaum wegzudenken, denn sie gehört in den Alltag der meisten Menschen mit Internetzugang. Und das ist wahrscheinlich meine Erkenntnis beim Anwenden der KI: sie animiert das Wegdenken, denn sie denkt für mich. Wie lähmend ist das für meine angeborene und erlernte Intelligenz, wenn mir KI alles abnimmt? Nun, ich werde vom ehemaligen Produzent von Gedanken, Visionen und vor allem Projekten zum Konsument, zum Empfänger von KI Resultaten.
Na dankeschön. Diese Zauberlehrlinge habe ich nicht bestellt.
Inwischen lerne ich weniger von der KI, aber ich unterrichte und reglementiere sie, so gut das möglich ist. Denn das Lernen ist schliesslich das Grundelement der künstlichen Intelligenz - sie hat ja selbst keine natürliche Vorstellungskraft. Meine künstlichen Helfer bekommen genau Instruktionen, was sie darf und was nicht.
Soweit funktioniert dies ziemlich gut. Denke ich zumindest. Beispielsweise ist der heilige Gral: Ich schreibe die Stories mit meiner künstlichen Intelligenz. Punkt. Die Helferlein kümmern sich um die Grammatik und die kanadisch-englische Übersetzung. Punkt. Eine andere Regel für die Künstliche lautet: Keine Informationen liefern, die nicht durch Quellen zu mindestens 95% gesichert sind. Ach ja, ich will von der KI keine Komplimente oder Schmeicheleien lesen. Auch das soll sie gefälligst uns Menschen überlassen.
Nein, ich traue der KI nicht. Immer wieder erweitere ich das Regelwerk für die künstliche Denkprozesse und trainiere die Regeln für meine natürliche Denkweise.
Damit kommen wir beide ziemlich klar, um nicht zum künstlichen Idioten zu werden.



