Klimastopia
Keine Sorge, dies wird kein Klagelied über die Klimakatastrophe vor der Haustür. Obwohl, jede Kata hat Strophen im Angebot.
Wer hätte denn ahnen, zuhören — oder auch nur kurz innehalten sollen?, wenn sich Leute aus der Wissenschaft mit Projektionen dieser Art gemeldet haben? Schliesslich haben wir alle anderes und besseres zu tun, als dystopische Szenarien auszumalen.
Ich bin einundsiebzig Jahre lang auf der wahrscheinlich einzigen Heimat der Milchstrasse zuhause. Oh ja, mir gefällt es hier ganz besonders. Ich habe niemals auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwendet, mich auf einem anderen Planeten niederzulassen. Auf dem Mars erst recht nicht. Und ja, ich habe mir selten viele oder weitreichende Überlegungen geleistet, die Zukunft des blauen Planeten auszumalen. Was ich mir nicht vorgestellt hätte: dieser Himmel vor meinem Fenster. Giftgelb. Orange. Als hätte jemand die Farben falsch gemischt.
136 riesige Feuer im Norden Kanadas wüten sich eine Bahn der Zerstörung durch die Wälder. Ganze Dörfer und Kleinstädte sind bedroht oder bereits verbrannt. Tausende Menschen flüchten vor Hitze, Rauch und Erstickungsgefahr. Der Homo Sapiens — unbesiegbar, kreativ, intelligent — lebt gefährlicher als seine Beute es je tat. Und alle anderen Verwandten in der Tierwelt ebenso. Die Luft draussen ist nichts für Lungen. Weder für die, die wählen können, noch für die, die müssen. Der Sommer Mitte Juli 2026 findet jetzt drinnen hinter geschlossenen Fenstern und Türen statt. Das Konzert mit Thema Prince gestern Abend wurde auf heute verschoben. Vorerst.
1. November 1986. Der rauchige und beissende Geruch der aktuellen Atemluft draussen erinnert mich an die Chemiekatastrophe der Schweizerhalle in Basel. Vor fast genau 40 Jahren brannte ein Lagerhaus des Chemiekonzerns Sandoz und eintausenddreihundertfünfzig Tonnen giftiger Chemikalien flossen mit dem Löschwasser in den Rhein. Und die giftigen Rauchgase machten sich über die ganze Region her. Der Rhein floss mit rotem Wasser und totem Getier durch Basel. Die Luft stank nach faulen Eiern, reizte Nase und Lunge, setzte sich in die Kleider.
Der gleiche Geruch. Die gleiche Atemnot. Aber vierzig Jahre später.
17. Juli 2026. Die Luft stinkt nach Rauch und die feinen Staubpartikel reizen Nase und Lunge. Nicht nur im Norden Ontarios und in British Columbia, Newmarket. Toronto. New York. Chicago. Überall dieselbe Luft.
Aber Kanada reagiert natürlich. Kanadas Politik reagiert. In Ontario wurde in den letzten Jahren das Budget für Umweltschutz stark gekürzt und im Westen Kanadas soll eine riesige Pipeline entstehen. Nein, diese liefert keine frische Luft, sondern das übliche an fossilen Materialien, auch Öl und Gas genannt.
Und wieder fragen sich vor allem die ganz jungen Bewohner des Planeten Erde: «What the hell is going on?»
Ja, ich fühle mich schuldig. Wir — die jetzt alte Generation — hätten lauter sein müssen. Auf der Strasse. Nicht nur im Kopf.
Ja, bei der Politik und bei der Wirtschaft.
Wie, Lobbyisten?
Ach sooo.
Doch heute und jetzt wünsche ich den Betroffenen der Flammen in Kanada, dass sie sich in Sicherheit bringen können.
Morgen reden. Übermorgen handeln. Oder umgekehrt. Hauptsache nicht wieder: nichts.
This image is a work of the Forest Service of the United States Department of Agriculture. As a work of the U.S. federal government, the image is in the public domain in the United States.



