Vor sieben Jahren wollten fünfzehn Jugendliche zwischen sieben und neun Jahren wissen, ob sie eine Zukunft haben. Oder nicht. Sie reichten Klage gegen die Regierung von Kanada ein, weil diese in der Klimakrise zuwenig Verantwortung zeigte. Die Kinder machten in der Klage deutlich, dass sie bereits heute unter den Folgen der Klimaveränderung leiden. Ihrer Meinung nach hat die Bundesregierung Kanadas die selbst gesetzten Klimaziele verfehlt, sprich nicht eingehalten. Damit wurde ihr Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person nach Section 7 der kanadischen Charta der Rechte und Freiheiten verletzt. Die Kinder verlangten einen gerichtlich durchsetzbaren Klima-Sanierungsplan, der die Treibhausgas-Emissionen senkt.
Genau ein Jahr später, im Oktober 2020, wurde die Klage abgewiesen. Die Begründung? Die gemachten Vorwürfe der Jugendlichen seien zu breit gefasst und könnten nicht in Zahlen angegeben werden, um daraus ein Gesetz zu gestalten.
Das Pikante daran: Richter Manson stellte fest, dass die negativen Auswirkungen des Klimawandels für die Klagenden und für alle Kanadier erheblich seien – heute und in Zukunft. Ein Richter, der den Schaden bestätigt und die Klage trotzdem abweist. Das Gericht sagt: ihr habt recht, aber nicht auf diese Art.
Die fünfzehn Kinder von damals und Jugendlichen von heute stammen aus Vancouver Island, über die Northwest Territories bis hin zu Nova Scotia.
Und sie sind nicht entmutigt.
2024: Die Jugendlichen nehmen die Hinweise des Gerichts ernst und reichen im Mai eine geänderte Klage ein. Ottawa kündigte im Oktober einen erneuten Antrag auf Abweisung an. Um keine weitere Schlappe zu riskieren, engten die Klagenden ihre Klage ein – worauf Kanada im Dezember 2024 den Antrag auf Abweisung fallen liess; im Januar 2025 folgte die neue Klageschrift, kurz darauf die Klageantwort.
Seit damals haben beide Seiten die sogenannte Discovery-Phase mit Dokumenten, Gutachten von Experten und Befragungen im Januar diesen Jahres abgeschlossen.
Und jetzt?
Der Prozess.
Während acht Wochen wird ab Oktober 2026 in Vancouver der Prozess unter dem Titel «La Rose v. His Majesty the King» stattfinden. Klingt wie ein Märchen der Gebrüder Grimm. Also nach einer Geschichte, in der am Ende jemand in einen Frosch verwandelt wird. Nun, dies ist aber kein Märchen, sondern ein Aktenzeichen des kanadischen Bundesgerichts. Und am 26. Oktober beginnt in Vancouver der Prozess. Acht Wochen. Fünfzehn Kläger:innen. Ein Beklagter, der in London wohnt.
In der Schweiz haben es die Alten vorgemacht. Die KlimaSeniorinnen — ein Verein von Frauen über 64, denen die Hitzesommer aufs Herz schlagen — zogen bis nach Strassburg. Im April 2024 gab ihnen der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte recht: Die Eidgenossenschaft verletze ihre Rechte, weil sie beim Klimaschutz nicht genug tue. Das Parlament in Bern reagierte beleidigt und erklärte, das Urteil gehe zu weit. Grossmütter haben das Urteil. Bern hat eine Pressemitteilung.
In Kanada sind es die Kinder, in der Schweiz die Grossmütter.
Wer fehlt denn hier?
Ach ja, die Mitte. Zwischen zwanzig und fünfundsechzig. Die, die wählen, Steuern zahlen, mit den Konsequenzen leben — und es sich trotzdem leisten, nicht zu klagen.
Hellwache aktive Bürger:innen jeglichen Alters sind beeindruckend und der Treibstoff einer gesunden Demokratie.
Die Schweiz und Kanada zeigen, wie das in der Praxis aussieht.



