Üblicherweise prangen üppige Formeln an der Tafel. Doch dieses Mal war die Üppigkeit mit den Formeln verschwunden.
Dagegen stand Randy Boyagoda vor Student:innen, die sonst eher an technischem und naturwissenschaftlichem Exkurs interessiert sind. Doch bei der nächtlichen Serie «Night Owls» geht es nur um das Zuhören, wenn ein Philosoph über Dinge spricht, die keinen einzigen Lebenslauf der Studierenden aufpolieren werden.
«Warum sind Sie also hier? Sie sind hier, weil Sie sich entschieden haben, so zu leben, als ob Ideen eine Rolle spielten.», sagte Professor Boyagoda mit einem Augenzwinkern.
Ingenieurinnen und Statistiker, die sonst mit Formeln jonglieren, sitzen drei Stunden lang nur da und hören zu. Wenigstens für einen Abend. Ganze drei Stunden sassen und standen über hundert Studierende am letzten Donnerstag im Hörsaal. Und was bekamen die Interessierten zu hören?
Die Philosophie beschäftigt sich mit Ideen, die noch keinen Zweck haben müssen. Also Gedanken und Visionen, die erstmal nichts nützen müssen. Die keinen Profit erzeugen, die Technik nicht voranbringen und die keine Kosten-Nutzen-Rechnung brauchen. Es sind Ideen, die sich diskutieren lassen. Gedanken, die in einer ersten Rohfassung in der Luft liegen.
Und im Hörsaal von Toronto? Da schwebte Grundsätzliches.
Und wie: Da ging es ans Eingemachte. Zum Beispiel lag der Vergleich zwischen kooperativem oder kompetitivem Kapitalismus auf dem Seziertisch. Oder ob die moderne Zahnmedizin als Triumph von Preisen und Märkten gilt oder gelten könne. Und natürlich die aufgeflammte neue Idee von echtem Sozialismus oder dem, wofür US Senator Bernie Sanders einsteht.
«Das ist einfach Kanada», sagte einer der Professoren — und genau daran hängt sich die eigentliche Frage auf: Was ist Kanadas Bildungspolitik eigentlich bereit, sich das leisten zu lassen?
Kanada ist auch Politik für Bildung. Doch wie sieht die Zusammensetzung des Angebotes aus? Schulen sind die Vorbereitung auf das anschliessende Berufsleben. Grundsätzlich. Also diese MINT Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Sprich die Fächer, die dem Schulabgänger einen Job bieten werden. Oder können. Soweit so verständlich.
Wo steht das Angebot für die künstlerischen und geistigen Wissenschaften in den Schulen? Wenn Gelder für das Schulwesen (welch ein tolles Wesen) gesprochen und aufgeschrieben werden, dann sind die Geisteswissenschaften mit der geringsten Gewichtung, also Zuteilung zu finden. Sie sind bei der Finanzierung also das Schlusslicht. Das hat nicht nur mit der Wertung zu tun, sondern auch mit den kleineren Kosten. Philosophiestudium braucht weder ein Labor noch andere technischen Aufwendungen. Billiger in der Herstellung, gleich teuer im Verkauf. Auch das ist eine Art Wirtschaftslehre.
Genau deshalb blieb ich hängen, als ich von diesen Nachteulen las, die mitten in diesem System eine Philosophie-Serie gestartet haben., die eine Philosophie-Serie an der University of Toronto gestartet haben. Menschen sind eben nicht nur wirtschaftlich oder technisch interessiert. Sie wollen wissen und erkunden, wie man mit dem Denken umgeht. Und mit dem Leben an sich. Oder wie es die Leiterin des Philosophie-Departements der U of T Scarborough auf den Punkt bringt: «Philosophie lehrt einen, wie man wirklich denkt. Zusammen mit einem technischen Fach ist das eine Art Power-Kombination.»
Zahlen sind wichtig. Zahlen sind klar. Doch zwischen den Zahlenreihen liegt das Kreative, die freien Gedanken und die Visionen. Ohne diese «unnützen» Fächer wie Philosophie und Künste wird das Denken eher einseitig und konform.
Hey, ist das wieder mein Moment, um für die Kunst und die Philosophie zu trommeln?
Oh ja.



