Vor einer Woche hat ein Kind in Washington auch an Karten gearbeitet. Also herumgekritzelt. Das leicht beleidigte Kind hat sich einen Filzstift geschnappt und sich über die Karte von Nordamerika gebeugt. Ist es nicht hoch erfreulich, wenn sich Kinder für Geographie und Geschichte interessieren? Kinder sind bekanntlich neugierig und sollen es auch bleiben. Diesem leicht dicklichen Kind blieb beim Anblick dieses blauen etwas auf der Karte hängen. Was ist das denn? LLLLLAAAAKE OOOONTAAARIOOOO. Lake Ontario. Die Finger mit dem filzigen Stift entwickelten plötzlich ihre radikale Seite und strichen den Namen Lake Ontario durch. Warum? Ach, der See ist zweigeteilt. Mitten im Wasser verläuft eine unsichtbare, aber reale Grenze zwischen Kanada und den United Lakes Of America.
Dann fand das Kind, der Name sollte jetzt mit dem dominanten Teil des See-Besitzers überschrieben werden. Also schrieb es über dem Durchgestrichenen mitten ins Wasser: «LAKE AMERICA». Welch eine schlaues Kerlchen. Schreibt die Geographie einfach so um und hat keinen einzigen Schreibfehler verursacht.
Das bekommen auch die Führer mit. Also die Führung von Google Maps. Das ist die Kartenabteilung einer Suchmaschine, die den Begriff «Suche im Internet» mit «Google das mal» ersetzt hatte. Nun, über Nacht wurde aus deiner Kritzelei dieses einen Buben eine sichtbare Tatsache. US-Bürger mit Nutzungsrecht der Google Maschinerie sehen nun auf ihren elektronischen Karten mitten im See die Bezeichnung «Lake America». Die durchgestrichene, vierhundert Jahre alte Bezeichnung «Lake Ontario» ist verschwunden. Oder abgesoffern.
Google hat in ihrem Businessplan die Verspieltheit reingeschrieben. Was übersetzt heisst, dass die Mitarbeiter oft in Spielecken und Entspannungszonen anzutreffen sind, wo sie sich spielerisch die Zeit vertreiben. Das fördere die Kreativität und das Denken. Sehr gut überlegt, Google. Nun, diese spielerische Arbeitstechnik sorgt zugleich für eine flexibles Klima und eine angenehme Arbeitsumgebung. Denke ich zumindest. Diese Flexibilität ist noch deutlicher geworden, weil sich Google und deren Management im aktiven Verbeugen vor einem Kind übt.
Irgendwo auf der kanadischen Hälfte des Sees ist offenbar auch ein Leck — die Sache ist nämlich bei uns angekommen. Denn uns Kanadiern ist diese Flexibilität von Google mit ihren Karten nicht verborgen geblieben. Wir seen das. Und die kanadische Seele oder Mentalität reagiert. Nein, nicht mit Wut oder Hockeyschläger. Kanadier greifen zu etwas Subtilerem: einer toten App. Die uralte Karten-Applikation MapQuest ist soeben aus der Gruft auferstanden.
Kanadier haben den elektronischen Filzstift in die Hand genommen und den Namen «Google Maps» durchgestrichen und dafür «MapQuest» aktiviert. Als meine Nachbarin «Lake Ontario» in MapQuest eintippt, steht da auch Lake Ontario und nicht Lake America.
Never change a winning team?
Doch!



