ismus?
Wörter sind reizvoll. Manche sind reizvoller, als gedacht. Denn sie reizen die Gemüter mancher Menschen aufs Äusserste.
Zwei dieser Reizworte hier in Nordamerika sind «Atheismus» und «Sozialismus». Beide Begriffe scheinen des Teufels zu sein. Jedenfalls deute ich manche Reaktionen in diese Richtung.
Wörter. Mittel zur Verständigung. Nicht mehr, nicht weniger — es sei denn, man lässt sie größer werden als das, was sie bezeichnen. OK, für die gelebte Philosophie und Lebenshaltung - vielleicht.
In Europa lösen beide Wörter nicht mal im Ansatz solch heftige Reaktionen aus. Wieso das denn? Europa hat diese Kämpfe hinter sich — Religionskriege, Faschismus, Staatssozialismus. Wer das durchlebt hat, entwickelt eine gewisse Immunität gegen Reizwörter. Skandinavische Länder nennen sich ungeniert soziale Nationen — und landen trotzdem, Jahr für Jahr, unter den glücklichsten Bevölkerungen der Welt.
Zufall?
Religion hat Boden verloren — nicht weil die Fragen verschwunden sind, sondern weil das Leben ohne Hölle im Hinterkopf sich besser anfühlt.
Aber dann: New York City. Gestern. Eine Lawine — und bei manchen TV-Kommentatoren direkt in den falschen Hals gerutscht.
Gleich drei - in Zahlen: 3 - Kandidat:innen der demokratischen Sozialisten führen die Wahlen an.
Wie, Sozialisten? Ist das überhaupt legal?
Die alten Griechen hätten wahrscheinlich gezuckt mit den Schultern. Demokratie und Gemeinwohl — das war keine Modeerscheinung, das war der Kern.
Der Begriff Sozialismus wird in manchen Gebieten des unglaublichen Konstrukts Planet Erde noch immer mit dem Kalten Krieg und den real existierenden Sozialisten dieser Zeit assoziiert. Die Theorie: Ressourcen gerecht verteilen, Würde statt Willkür. Bedrohlich klingt das nur, wenn man Ressourcen besitzt, die man nicht teilen will. Aber in der Realität funktioniert nicht der Sozialismus an sich, sondern die Sozialdemokratie. So praktizieren es die bereits erwähnten Länder Skandinaviens.
Blick zurück auf New York. Was haben diese Kandidaten in die führende Liga der möglichen Wahlgewinner:innen katapultiert? Nein, es ist nicht das Label «demokratischer Sozialismus», sondern die Müdigkeit der Wähler:innen. Sie sind müde von den Lebenshaltungskosten, dem knappen Wohnangebot, der Unsicherheit und vielem mehr. Veränderung ist das Ziel und die Hoffnung des Wahlvolkes.
Zohran Mamdani, seit dem 1. Januar 2026 der 112. Bürgermeister von New York. Er gewann im November 2025 mit 50,4 Prozent gegen den unabhängigen Cuomo und den Republikaner Sliwa — erster muslimischer, erster südasiatischer und jüngster Bürgermeister seit Generationen. Er ist 34 Jahre alt. Seine Programmpunkte: Mietstopp für mietstabilisierte Wohnungen, fahrscheinfreie Busse, kostenlose Kinderbetreuung von sechs Wochen bis fünf Jahren, ein Netz städtischer Lebensmittelläden, Mindestlohn 30 Dollar bis 2030 — finanziert über Steuern auf Reiche und Konzerne, was die Zustimmung des Bundesstaats voraussetzt.
Drei von Mamdani unterstützte demokratische Sozialist:innen schlugen in den New Yorker Vorwahlen zwei amtierende demokratische Abgeordnete — obwohl die üblichen Amtsinhaber von Vorteilen wie Bekanntheit und Establishment-Geldfluss profitieren konnten.
Wer Amtsinhaber mit Establishment-Rückenwind schlägt, macht etwas richtig. Meistens: spricht über die Miete, nicht über sich selbst. Und damit für Kandidat:innen, die sich diesen Themen verpflichtet fühlen.
Schlussendlich wirkt nicht der Begriff Sozialdemokratie als Treiber für die aktuellen Kandidat:innen, sondern die Themen. Und diese sind praktisch und treffen den grossen Teil der Bevölkerung: Hohe Preise.
Natürlich lebe ich noch immer meinen Hippie-Traum. Gerecht. Frei. Für alle. Klingt naiv — aber ich habe keinen besseren Traum gefunden. Nicht der Name zählt. Ob Sozialdemokratie, demokratischer Sozialismus oder schlicht: gute Politik. Was zählt: Kann sich jemand die Miete leisten? Kommt das Kind betreut unter?
Sozialismus in Kanada? Nun, das Wort ist im regularen Sprachgebrauch durchaus verankert. Wenn sich Menschen zum Essen, zum Ausgehen treffen, dann heisst der Satz: «Let’s socialize.»
OK - Let’s go!


