Kanada wurde als Land aus Eis, Schnee und Iglu nicht wirklich ernst genommen.
Als Schweiz-Kanadier verstehe ich dieses Manko nur zu gut. Made in Canada und Made in Switzerland steht für viele tolle Qualitätsprodukte, aber selten für ernstzunehmende Leute aus der Musik und der Schauspielerei. Wir wurden stets showmässig belächelt.
Nun, wenn die Welt das Showbusiness aus meinen beiden Ländern nicht ernst zu nehmen scheint, wie steht es um andere Leistungen? Ach sieh mal an, da wird die Sache konkreter. Ich picke mir hier mal zwei Leistungen aus der kanadischen Geschichte heraus, die mich aus einem Grund beeindrucken: Keine der beiden Errungenschaften wurde zur Geldmaschine. Dazu später.
Vor dem Jahr 1922 waren die Vor dem Jahr 1922 waren Typ-1-Diabetiker:innen von einer praktisch tödlichen Krankheit betroffen. Das zuckersüsse Leben wurde zum Todesurteil. Doch dann waren findige Forscher an der Universität von Toronto einem Extrakt auf die Schliche gekommen, das die ganze Sache auf den Kopf stellte. Die beiden Herren Banting und Best isolierten ein Extrakt aus dem Pankreas, der Glukose und Blutzucker senken konnte. Bitte was?
Ein Befund allein reicht der Wissenschaft aber nicht. Doch wie die Wissenschaft so drauf ist, besteht sie auf Testergebnisse, um die Theorie zu stützen. Ein Fünfjähriger namens Teddy Ryder, der bereits unter Typ 2 Diabetes litt, lag im Toronto General Hospital. Die Eltern erlaubten den Test an ihrem Buben. Teddy überlebte zuerst den Eingriff und hatte weitere einundsiebzig Jahre Leben vor sich.
Aus der tödlichen Krankheit wurde eine Therapie geschaffen: Das Insulin.
Erkannt in Kanada.
Ein anderer Forscher an derselben Universität von Toronto, George Klein, erkannte nach dem Zweiten Weltkrieg, wie viele Soldaten mit katastrophalen Verletzungen dennoch überlebten. Penicilin sei Dank.
Der Krieg versetzte Menschen mit Wirbelsäulenverletzungen in kackige Rollstühle, die sich kaum bewegen liessen. Das liess George Klein in Toronto keine Ruhe. Er konstruierte den heutigen modernen elektrischen Rollstuhl. Also komplett mit den angenehmen Dingen, die Patient:innen wieder mobil werden liessen. Die Räder wurden separat angetrieben und ein Joystick liess das Ding fahren, lenken und meistens sogar bremsen. Immerhin waren viele Veteranen froh darüber, dass ihr Schicksal durch die mobilen Rollstühle etwas angenehmer wurde.
Nun zum Punkt von «Made in Canada».
Die beiden Geschichten der drei Forscher von der Universität von Toronto haben Millionen von Menschen das Leben verlängert und erleichtert.
Doch das wirklich Besondere daran ist das Businessmodell beider Entdeckungen. Banting und Best haben ihr Insulin Patent für einen einzigen Dollar verkauft. Ihr Kommentar: «Insulin gehört nicht zu uns. Es gehört der Welt.»
Den Joystick Rollstuhl hat George Klein erfunden, aber das Patent kostenlos an die United States Veterans Administration verschenkt. Damit hoffte George, dass diese Rollstühle schneller produziert und damit den Weg zu den Patienten finden werden.
Beide Erfindungen hätten die Forscher Banting, Best und Klein zu Milliardären machen können. Doch alle drei verzichteten zugunsten der Idee, die Welt ein wenig besser zu machen.
Wie absurd kommt uns Menschen im Jahr 2026 ein solch riesiger finanzieller Verzicht im Angesicht all dieser Milliardäre vor?
Ich will mir vorstellen, dass irgendwo gerade jemand ein Patent für nur einen Dollar verkauft.
Und dass es reicht.



